Von Wolfgang Marcus
Im Nachlass von Maria Peters, unserer ersten Vorsitzenden von 1981-1987, fand ich einen Brief, der aus Reval stammt und als Verfassungsdatum den 5. März 1918 hat. Mich interessierte nicht nur der Brief selber, sondern auch die Frage, wie seine Aussagen, vor allem zu Reval und den Soldaten dort, zu interpretieren sind, was der Brief mit Lippstadt zu tun hat und wie er bei Frau Peters „gelandet“ ist.
Brief aus Reval vom 5. März 1918


Meine Transkription habe ich an Frau Dr. Becker vom Stadtarchiv Lippstadt geschickt. Sie hat diese Zeile für Zeile weiter verbessert. Die sprachlichen und orthografischen Eigenheiten gerade in persönlichen Dokumenten wie Briefen oder Tagebüchern machen ja auch den Charme solcher Quellen aus! Anreden wie „Euch“ schrieb man groß, das hatte auch mit Respekt zu tun. Und wenn ich „Thüre“ oder „Thee“ mit „Th“ schreibe, warum dann nicht die übrigen ungewöhnlichen Schreibweisen oder auch Fehler so übernehmen, wie sie im Original stehen? Soldat Konrad schreibt „Spiegelleier“ halt mit 2 „ll“.
Stadtarchiv Lippstadt Transkript final (Bk/Rs 09.26)
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Reval, den 5. März 1918.
Meine Lieben!
Hoffentlich hat Papa den Namenstagsbrief erhalten.
Wie geht es Euch denn eigentlich? Hoffentlich
doch recht gut, selbiges auch bei mir. Habt Ihr denn
lange keine Post erhalten? Den letzten Brief habe
ich seit dem 24.12.17. von Euch erhalten. Ich sehne
mich ganz furchtbar nach einige Zeilen von Euch.
Ist Fritz noch in Lippstadt beim Ersatz-Bataillon.
oder ist er schon wieder ausgerückt. Hier ist es sehr
schön in Reval. Hier kann man den Krieg schon
aushalten. Gestern Mi?ag bin ich bei so reiche
Leute eingeladen worden. Ich stand auf Wache
am Festungsbau Gebäude [eher: Gelände]. Da kam so ein [unleserlich]
Mädchen von 14 Jahren u. lud mich ein Ihre Eltern
mal zu besuchen. Sie lud uns zum Mi?agessen
ein um 1/2 3 Uhr ein. Ich kann Euch sagen
so herrlich habe ich im Leben noch nicht gegessen.
Erst gabs Suppe mit Rindfleisch, dann 3 erlei Sorten
Braten Kartoffeln Sose Wein Pudding u. sonsGges
Dessert. Nachher ganz starken Kaffee und Käseschni?-
chen u. zum Schluß Kaviabrötchen u. Sekt. Dann sind
wir im Salon gegangen u. dann haben die Töchter
musiziert. Viel feine Zigarre?en u. Cigarren geraucht.
Um 8 Uhr haben wir [unleserlich]gessen. Da gabs es Brot, Schinken
Spiegelleier, Wurst, Käse, Kuchen Kaffee, Thee
u. Wein u. Gebäck. Da war so viel Geb___ bei,
daß man kaum damit ferGg wurde. Servie?en
Messer u. Gabeln Zuckerzangen. Man wußte garnicht wo
man das alle für gebrauchen sollte. Die ganze Famile
spricht perfekt deutsch. Nachher sind wir im Automobil
nach Hause gefahren. Das war ein großer
[nächste Seite:]
Fabrikbesitzer u. ha?e eine schöne Villa. In solch vornehmen
Hause bin ich noch nie drin gewesen. Für übermorgen
sind wir wieder eingeladen ich u. der andere
welcher mit mir Doppelposten steht. Wenn wir jetzt Kohl
dampf haben, machen [? werden?] wir immer hin?/bin? nämlich immer
herzlich willkommen, und wo?/von?## solch einer schönen
Gelegenheit lässt man sich nicht von der Nase
)___________ Und so [unleserlich] Töchter ha?en die. Die ha?en
noch 2 Hauslehrerinnen u. eine Musiklehrerin u. Diner
an der Thüre u. zum servieren. Das hat hier in Reval
schrecklich zugegangen. Die rote Garde stürtzte in
die Häuser rein raubte alles Gold u. Silber wenn
Stadtarchiv Lippstadt Transkript final (Bk/Rs 09.26)
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die Leute es nicht gutwillig rausgaben wurden sie
ermordet. Die Leute haben keine Nacht schlafen
können. Die sind so für die Leute <Deutschen> eingenommen
ist kaum zu glauben. Furchtbar teuer ist es hier.
1 Pfund Brot 4 Mark___ lb[=libra = Pfund] Fleisch 22 Mark … [unleserlich]-
ter verdienen hier 40 Mk. pro Tag es ist so wie
in Deutschland die reichen Leute haben alles
u. die armen nichts. Ihr könnt mir doch mal
## Cigarre?en schicken. 1 Cigarre?e kostet 14- 20 Pfg.
Unter dem bekommt man keine. Was gibts denn
sonst Neues in Lippstadt. Ist [Nachname] O?o schon
ausgerückt. Ich möchte doch auch so gern mal
in Urlaub fahren. Aber da ist vorläufig nichts
zu machen. Na ## mal wieder. Wünsche
Papa nochmals herzlich[e] Glück- u. Segenswünsche
zum Namenstage. Entschuldige bi?e die schlechte
SchriT. Ich habe die Hand noch verbunden.
Herzlicher Gruß Konrad
Gruß an Georg [Nachname]
Was sagt der Text über deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg in Reval und zur dort ansässigen Bevölkerung aus?
Reval (heute Tallinn) war 1918 mehrere Monate von deutschen Truppen besetzt – und zwar bis unmittelbar zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die entscheidenden Daten sind:
- 24. Februar 1918: Estland erklärte seine Unabhängigkeit.
- 25. Februar 1918: Deutsche Truppen rückten in Reval/Tallinn ein. Die neue estnische Regierung konnte ihre Herrschaft deshalb zunächst nicht ausüben.
- März bis November 1918: Estland stand unter deutscher Militärverwaltung. Reval war ein wichtiger deutscher Garnisons- und Verwaltungsort. Die deutsche Besatzungsmacht erkannte die estnische Unabhängigkeit zunächst nicht an.
- 11. November 1918: Mit dem Waffenstillstand und der deutschen Niederlage begann die Übergabe der Macht an die estnische provisorische Regierung. In Reval/Tallinn vollzog sich dieser Übergang besonders rasch; General Adolf von Seckendorff, Befehlshaber des deutschen 68. Armeekorps, erkannte die estnische Regierung am 13. November an.
- 19. November 1918: Die förmliche Vereinbarung über die Übergabe der Verwaltung wurde abgeschlossen; anschließend zogen die deutschen Truppen schrittweise ab.
Interessant für Briefe, Feldpostkarten oder Stempel und somit auch für den Brief von Konrad: In Reval bestand tatsächlich deutsche Feldpost. Nach einer Spezialpublikation zur estnischen Postgeschichte war dort von März bis November 1918 ein deutsches Feldpostamt im Zusammenhang mit der 29. Landwehr-Infanterie-Brigade stationiert; als Standort wird ausdrücklich „Tallinn 1 / Reval“ angegeben. Gerade gegenüber den gehobenen Schichten Revals war das Verhältnis vielfach enger und gesellschaftlich unkomplizierter als gegenüber der estnischen Bevölkerungsmehrheit. Entscheidend ist dabei, dass Reval 1918 keine „fremde“ Stadt ohne deutsche Tradition war. In Reval existierte seit Jahrhunderten eine bedeutende deutschbaltische Oberschicht. Deutschbalten stellten zwar 1918 nur noch eine kleine Minderheit, waren aber im Adel, Großgrundbesitz, höheren Bürgertum, bei Kaufleuten, Akademikern, Pastoren und anderen gebildeten Berufen weiterhin stark vertreten. Deutsch war lange die Sprache der gesellschaftlichen Elite gewesen. Als die reichsdeutschen Truppen am 25. Februar 1918 Reval besetzten, trafen sie daher auf Menschen, mit denen sie ohne Sprachbarriere verkehren konnten und mit denen vielfach ein kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl bestand. Teile der deutschbaltischen Oberschicht hatten den deutschen Vormarsch sogar ausdrücklich begrüßt. Nach Revolution und Bolschewisten-Herrschaft sahen manche in den deutschen Soldaten Befreier und Beschützer ihrer bisherigen gesellschaftlichen Stellung.
Besonders interessant ist die Unterscheidung zwischen Mannschaften und Offizieren. Deutsche Offiziere bewegten sich aufgrund ihres eigenen gesellschaftlichen Hintergrunds relativ selbstverständlich in den Kreisen des deutschbaltischen Adels und Großbürgertums. Deshalb sind für 1918 durchaus Situationen vorstellbar wie Einladungen in Privathäuser, gemeinsame Essen, gesellschaftliche Besuche, Kontakte zu Kaufmanns- oder Pastorenfamilien, Musikabende oder Bekanntschaften mit den Töchtern der Familien. Das sollte man allerdings nicht pauschal für jeden Soldaten annehmen; es hing stark von Rang, Bildung, Herkunft und persönlichen Verbindungen ab. Auch ein gebildeter Unteroffizier oder einfacher Soldat konnte in solche Kreise gelangen, insbesondere wenn er längere Zeit in Reval stationiert war, eine Empfehlung besaß oder durch dienstliche Kontakte eine Familie kennenlernte. Die Sympathie war nicht nur kulturell. Ein erheblicher Teil der deutschbaltischen Führungsschicht hoffte 1918, mit Unterstützung des Deutschen Reiches seine traditionelle Stellung bewahren oder wiederherstellen zu können. Es bestanden sogar Pläne für ein Deutsch dominiertes baltisches Staatswesen beziehungsweise eine enge Anbindung an Deutschland. Eine zeitgenössische amerikanische Untersuchung berichtet ausdrücklich, dass die deutsche Besetzung von den deutschstämmigen Großgrundbesitzern begrüßt worden sei. Gerade die Politik während der deutschen Besatzung habe anschließend aber das Verhältnis zwischen Deutschbalten und Esten erheblich verschlechtert. – Ganz anders war die Beziehung zur estnischen Bevölkerung. Hier muss man deutlich differenzieren. Für viele Esten waren die Reichsdeutschen eben nicht Befreier, sondern Besatzungstruppen. Deutschland erkannte die am 24. Februar 1918 ausgerufene Republik Estland nicht an; estnische nationale Truppen wurden aufgelöst. Die deutsche Militärverwaltung versuchte zwar, offenen Widerstand zu vermeiden beziehungsweise die Gesellschaft politisch ruhigzustellen, griff aber stark in das öffentliche Leben ein. Selbst Vereine in Reval mussten sich beispielsweise neu registrieren und Versammlungen genehmigen lassen. Damit ergab sich vereinfacht eine interessante gesellschaftliche Konstellation:
- Reichsdeutsche Soldaten/Offiziere ↔ deutschbaltische Oberschicht: häufig sprachliche und kulturelle Nähe, teilweise ausgesprochen freundschaftliche Aufnahme.
- Reichsdeutsche Besatzungsmacht↔ estnische Nationalbewegung: deutlich distanzierter bis gegensätzlich, weil die Deutschen die estnische staatliche Selbständigkeit zunächst verhinderten.
- Einzelne deutsche Soldaten ↔ estnische Zivilbevölkerung: wesentlich differenzierter; alltägliche persönliche Kontakte konnten selbstverständlich freundlich sein und müssen von der Besatzungspolitik getrennt betrachtet werden.
In viele dieser Ausführungen lässt sich also auch der Brief von Soldat Konrad einordnen.
Wer ist dieser Konrad? Und warum und durch wen kam dieser Brief in die Hände von Maria Peters und damit nach Bad Westernkotten?
Dazu habe ich keine endgültige Antwort gefunden. Auch Frau Dr. Becker schreibt: Der Vorname Konrad und Lippstadt reicht nicht für eine Identifizierung, auch nicht in Verbindung mit den Vornamen Otto und evtl. Georg, und weitere Hinweise sehe ich nicht… Wie Frau Peters zu dem Brief gekommen ist, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist sie irgendwann mit jemandem ins Gespräch gekommen, der den Brief hatte, ihn ohnehin nicht lesen konnte und ihn deshalb abgegeben hat. Aber das ist reine Spekulation.
Auch eine Anfrage, die Patriot-Chefredakteur Dominik Friedrich im September 26 abgedruckt hat, ergab keine Antwort.