1940: Ein Heimatbrief aus Westernkotten vom 6. Dezember 1940

Wolfgang Marcus

Einleitung

Im Nachlass von Maria Peters fand ich Vorder- und Rückseite dieses gedruckten Briefes:

Die beiden überlieferten Briefseiten tragen den gedruckten Kopf der NSDAP Ortsgruppe Westernkotten mit einem Bild des Schlusssteins des Kirchturms links und das handschriftliche Datum 6. Dezember 1940. Der Text beginnt mit „Lieber Soldat“ und endet ohne persönliche Namensunterschrift mit „ein Westernkottener Junge“. Verfasser und Empfänger lassen sich aus den vorliegenden Seiten nicht namentlich bestimmen. Der Brief bietet Einblicke in örtliche Bräuche und die Selbstdarstellung des Dorflebens im zweiten Kriegsjahr. Zugleich zeigt er, wie Heimatverbundenheit und Weihnachtsstimmung zur Unterstützung des nationalsozialistischen Krieges eingesetzt wurden. Wahrscheinlich wurde er von der NSDAP-Ortsgruppe für die Schulkinder gedruckt und konnte so an die Soldaten im Krieg als moralische Unterstützung geschickt werden.

Hinweise zur Transkription

Die Handschrift wird in heutiger Druckschrift wiedergegeben. Wortlaut, zeittypische Schreibweisen und politische Aussagen bleiben erhalten. Die Zeilenumbrüche sind aufgelöst; der Seitenwechsel bleibt kenntlich. Ein über der Zeile ergänztes Wort ist in den Satz aufgenommen. Eckige Klammern kennzeichnen eine unsichere Lesart.

Der Text in unserer Schrift

Westernkotten, den 6. Dezember 1940.

Lieber Soldat,

Heute ist „Kloogestag“. Nach altem Brauch ziehen da bei uns abends vermummte Jungen von Haus zu Haus, um den Kindern kleine Gaben zu bringen, und oft nehmen sie von letzteren von den Erwachsenen das doppelte als Geschenk. So ist es hier immer gewesen, und den Brauch lassen wir auch im Kriege nicht untergehen. Wenn es heute anfängt dunkel zu werden, „spuken“ in allen Straßen und Gassen die „Kloggesse“. Das kannst Du mir glauben.

Was es sonst noch im Dorfe gibt? Es ist Schlachtezeit, die schönste Zeit des Jahres. Wenn die fetten Schweine in Würste und Schinken verwandelt werden, wenn es Möpkenbrot und Wurst gibt, sieht man überall zufriedene Gesichter. Und wer kein Schwein auf der Leiter hat, kriegt vom Nachbarn eine Probe. Das wäre doch gelacht, wenn’s anders wäre. Auch das ist alter Brauch und soll’s bleiben.

Die Kartoffeln sind gut geraten, und der Roggen gibt gesundes Brot. Beide hat uns der Herrgott reichlich geschenkt. Obst gab es in Menge, und den Westernkottenern hat der Herrgott noch etwas Besonderes auf den Tisch geschüttet: Eine Rekord-Ernte in Pflaumen, sodass jetzt noch in jedem Hause große Töpfe leckeren Pflaumenkrauts stehen. Läuft Dir da das Wasser nicht im Munde zusammen? Kohlen haben wir so viel im Dorfe, wie noch in keinem Winter zuvor. Über zehn Doppelwaggons liegen im Dorfe noch in Reserve. Du brauchst ganz sicher keines zu frieren.

Uns geht’s also gut. Das ist ja auch Dein Wunsch und Wille. Vom Kriege spürt man hier eigentlich nichts. Wir wissen, dass wir dieses Glück einzig glücklich unseren tapferen, siegreichen Heeren zu verdanken haben.

In der Schule üben wir jetzt die alten, schönen Weihnachtslieder, und auch Ihr Soldaten werdet, fern von Euren Lieben, unter dem Tannenbaume die Lieder der Heimat singen. Ich habe mir erzählen lassen, dass das letzte Lied dann immer hieße: In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn.

Auf dieses Wiedersehen, die siegreiche Heimkehr unserer Heere, freuen wir uns mit Dir und mit allen unseren Soldaten und hoffen, dass es der Anfang eines glücklichen Lebens in einem Groß-Deutschland ist.

Mit diesem Briefe geht ein Päckchen an Dich ab. Es soll Dir eine kleine Weihnachtsfreude bereiten und ein Zeichen sein, dass die Heimat in Dankbarkeit an Dich denkt.

In der frohen Zuversicht, dass es Dir, lieber Soldat, gut geht und Du wohlbehalten in die Heimat zurückkommst,

grüßt Dich mit „Heil Hitler“

ein Westernkottener Junge.

Historische Einordnung

Der Brief entstand am Nikolaustag 1940, zur zweiten Kriegsweihnacht. Nach den deutschen militärischen Erfolgen des Jahres 1940, insbesondere dem Sieg über Frankreich, befand sich Hitlers Ansehen auf einem Höhepunkt. Die Hoffnung auf die „siegreiche Heimkehr“ und ein glückliches Leben in einem „Groß-Deutschland“ gehört in diesen Zusammenhang. Sie übernimmt die Perspektive der nationalsozialistischen Expansion und verschweigt den deutschen Angriffskrieg sowie das Leid in den besetzten Ländern.

Die örtlichen Nachrichten erfüllen eine erkennbare Funktion: Schlachtfest, Brot, Pflaumenkraut und Kohlenvorräte zeichnen das Bild einer geborgenen, ausreichend versorgten Heimat. Der Soldat soll sich um die Daheimgebliebenen nicht sorgen. Zugleich werden Wohlergehen und vermeintliche Normalität den „tapferen, siegreichen Heeren“ zugeschrieben. Heimat und Soldaten erscheinen als eine Gemeinschaft gegenseitiger Verpflichtung. Das entspricht dem propagierten Ideal der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“, das Zugehörigkeit versprach und zugleich Menschen aus rassistischen und politischen Gründen ausschloss.

Besonders deutlich wird die Verbindung von persönlicher Zuwendung und politischer Mobilisierung beim angekündigten Weihnachtspäckchen. Weihnachtslieder, Dank und Wiedersehenshoffnung stiften Nähe; die politische Schlussformel bindet diese Gefühle an das Regime. Ähnliche Verbindungen zwischen Front und Heimat stellte Weihnachten 1940 auch die erste Weihnachtsringsendung des Rundfunks her.

Für die Westernkötter Ortsgeschichte sind die Hinweise auf vermummte Nikolausgestalten, das Verteilen von Schlachtproben, die Pflaumenernte und die Kohlenbevorratung besonders aufschlussreich. Sie dokumentieren allerdings zunächst die Darstellung des Briefschreibers, also der NSDAP-Ortsgruppe. Der Briefkopf spricht also für einen Zusammenhang mit der örtlichen Parteiorganisation, beweist aber keine bestimmte Verfasserschaft.