1914: Die Teilnehmer der Feldzüge 1812–1815 aus Stadt und Kreis Lippstadt.

Von Dr. Karl Maser.

Von einem guten Bekannten wurde ich auf diesen Aufsatz aufmerksam gemacht. Er enthält u.a. auch zwei Namen aus Westernkotten. Diesen Abschnitt habe ich in Fettdruck markiert. W. Marcus. – Transkription – unterstützt durch KI – aus „Heimatblätter“, Nr. 6 vom 12. März 1914, 1. Jahrgang. Schreibweise und Zeichensetzung des Originals sind beibehalten; die Zeilenumbrüche und Worttrennungen wurden aufgelöst.

Im Jahrgang 1820 des Amtsblattes der Königlichen Regierung zu Arnsberg findet sich datiert vom 20. Juni 1820 eine „Auskunft über die als französische oder rheinbündische Soldaten nach Rußland marschierten Individuen des Regierungsbezirks Arnsberg.“ 420 Söhne der Roten Erde werden dort namhaft gemacht, die in der großen Armee den Feldzug nach Rußland im Jahre 1812 mitgemacht haben. Aber nur 59 von ihnen sind den Kämpfen und Leiden entronnen, die die napoleonischen Truppen auf dem Marsch nach Moskau und dem grauenvollen Rückzuge über die Beresina und die Eis- und Schneefelder durchzumachen hatten. Alle andern haben fern von der Heimat im Schlachtgetümmel auf russischem Boden den Tod gefunden oder sind in russischen Hospitälern ihren Wunden und Qualen erlegen.

Die 59 Ueberlebenden sind später zum größten Teile in die deutsch-russische Legion eingetreten. Nur wenige von ihnen haben sich an den späteren Kämpfen nicht mehr beteiligt und sich in Rußland angesiedelt. Die von der Arnsberger Regierung aufgestellte Liste erschöpft indessen aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht die Zahl derer, die aus unserem Regierungsbezirke den Feldzug mitgemacht haben. Lag doch auf der Polizei-Intendantur in Berlin im Jahre 1820 noch ein Verzeichnis von 2734 in Rußland Verstorbenen aus, die größtenteils deutsche oder polnische Namen führten, deren Heimat aber nicht ermittelt werden konnte. Da mag es auch in unserer Gegend noch manche Familie gegeben haben, die über das Schicksal eines Angehörigen, der unter den Fahnen des Korsen oder seiner Verbündeten mithinausgezogen, aber nicht zurückgekehrt war, in qualvoller Ungewißheit blieb.

Für sechs Mann der 420, die die Liste der Arnsberger Regierung aufführt, wird Lippstadt als Geburts- oder früherer Aufenthaltsort angegeben. Drei von ihnen haben die Strapazen des Feldzuges überlebt: Stephan Hermann Lange, Heinrich Joseph Harbort und Wilhelm August Sprick. Die beiden ersteren dienten im 2. Bergischen Infanterie-Regiment, der dritte bei der bergischen Artillerie. Sie nahmen später Dienste in der deutsch-russischen Legion. Die andern drei Lippstädter dagegen haben in Rußland den Soldatentod gefunden. Johann Franz Jakob Pott, der als Gemeiner dem Bergischen Jäger-Corps angehörte, wurde zu Moskau ins kühle Grab gesenkt. Gottfried Heinrich Franz Gerke, der unter der Fahne des 2. Bergischen Lanzier-Regimentes als Gemeiner gefochten hatte, starb zu Dimitrijew im Gouvernement Kursk. Den letzten Lippstädter, Caspar Heinrich Luges, der im 3. Bergischen Infanterie-Regiment mit nach Rußland gezogen war, ereilte der Tod in Samara im Gouvernement Simbirsk. Mit dem Tode dieser drei hat die Stadt Lippe Napoleon I. den Tribut im Jahre 1812 entrichten müssen.

Auch Westernkotten hatte den Tod zweier seiner Söhne zu betrauern, die kräftig und blühend ihr friedliches Heimatdörfchen verlassen hatten, um mit dem Untergange des größten Teiles der Großen Armee auch ihren Tod zu finden. Friedrich Hülsebeck, der dem 2. Bergischen Infanterie-Regiment angehört hatte, starb am 23. Januar 1813 im Hospital Clinique zu Wilna, während dem hessischen Gardisten Ferdinand Schulte aus Westernkotten in Wolsk im Gouvernement Saratow sein frühes Grab gegraben wurde.

Aus Geseke kehrten drei Mann nicht wieder vom russischen Feldzuge in die Heimat zurück. Conrad Stollmann aus Geseke, Gemeiner im Hessischen Leib-Regiment, starb zu Wiasma im russischen Gouvernement Smolensk, Franz Heinrich Stollmann, vielleicht ein Bruder oder Verwandter des vorgenannten, als hessischer Chevauleger im Hospital Jaques im Gouvernement Wilna. Im Hospital zu Tschernigow erlag der hessische Artillerist Moritz Markus aus Geseke seinen Leiden.

Aus andern Gemeinden des Kreises Lippstadt weist die Liste noch folgende Namen auf: Im Stadthospital zu Minsk verstarb der hessische Chevauleger August Köller aus Oestereiden, im Hospital zu Smolensk Anton Gerwin aus Eßken, Gemeiner im Hessischen Regiment Erbprinz. Am 7. März 1813 verschied im Hospital Clinique zu Wilna Friedrich Rüther aus Menzel, der als Gemeiner in der hessischen Leibgarde den Feldzug mitgemacht hatte. Aus Ehringhausen schließlich stammt der hessische Gardist Johann Diedrich Klint, der im Hospital zu Riga seinen letzten Atemzug tat, um den andern zu folgen, die von der großen Armee, erlöst von ihren Leiden, ihm in ein besseres Jenseits vorangegangen waren.

Dies sind die uns überlieferten Namen derer, die, aus unserer Heimat stammend, im Solde des französischen Kaiserreiches oder seiner Verbündeten mit gen Rußland gezogen sind. Nur drei Mann von diesen 16 sind aus dem furchtbaren Gerichte, das über die bei ihrem Auszuge so bewunderte Große Armee auf der russischen Steppe hereinbrach, mit dem Leben davongekommen. Sie haben später noch ihre Waffen für eine bessere Sache, als es die des Jahres 1812 war, gebraucht, für die Befreiung des Vaterlandes vom französischen Joche. Es gab aber auch noch viele andere in unserer Heimat, die im Jahre 1813 dem Aufrufe zum Kampfe gegen die Bedrücker Folge leisteten. Von manchem von ihnen hat sich für die Nachwelt keine Kunde mehr erhalten, die Namen anderer sind uns aus vor 100 Jahren zusammengestellten Listen bekannt, die in Friedrich Harkorts Werk: Die Zeiten des ersten Westfälischen (sechzehnten) Landwehrregiments (Druck von G. D. Bädeker, Essen 1841) zum Abdruck gelangt sind.

Das erste westfälische Landwehrregiment setzte sich 1813 aus 4 Bataillonen und zwei Detachements freiwilliger Fußjäger zusammen. Das erste Bataillon wurde in Dortmund, das zweite in Hagen, das dritte in Hamm und das vierte in Essen aus zahlreich sich meldenden Freiwilligen gebildet. Die beiden Fußjäger-Detachements wurden in Hamm formiert. Hier in Hamm stellten sich auch 23 Freiwillige aus Lippstadt. In das dritte Bataillon, dessen Kommandeur Hauptmann von Selasinsky war, wurden folgende Lippstädter eingereiht: F. Breme, Berkensträter, Johann Bottmer, P. Bottmer, W. Haase, J. Korst, H. Klingelmann, Bernhard Meyer, Franz Ohrhorst, Diedrich Pott, Philipp Pipping, J. Riemenschneider, W. Rusche, Franz Schorlemmer und Ludwig Thiele. Beim ersten Detachement freiwilliger Fußjäger, das unter dem Kommando des Kapitäns von Gillhausen ins Feld zog, stellten sich folgende Freiwillige aus Lippstadt: Caspar Heinr. Caase, And. Flamme, Frdr. Gallenkamp, W. Gottschalk, Wilh. Hoffkauer, Conr. Hülsemann und Friedr. Langenecke. In das zweite Fußjäger-Detachement, dessen Kommando Kapitain von Witten hatte, wurde Friedrich Fabro aus Lippstadt als Freiwilliger eingereiht.

Im Jahre 1815 wurden die Fußjäger-Detachements ergänzt. Damals wurden folgende Lippstädter eingestellt: Christian Erdmann, Peter Knüer, Frdr. W. Müller, Schlüter, Joseph Schmitt, Wilhelm Siegfried, Franz Tiefötter und Friedr. Tietz.

Zwei Lippstädter finden sich schließlich noch unter den Freiwilligen der ersten Eskadron des ersten Westfälischen Landwehr-Kavallerie-Regiments. Diese erste Eskadron, die sich aus Markanern zusammensetzte, wurde in Hamm unter dem Rittmeister von Eicken formiert. Bis zum Ende des Jahres 1814 stand die Eskadron in Hamm, wie auch die übrigen fünf Eskadrons solange in ihren Garnisonen Halle i. Westf., Werne, Münster, Paderborn und Aurich verblieben. Erst im Frühjahr 1815 wurden die sechs Eskadrons bei Münster zusammengezogen, von wo sie später ins Feld rückten. Die beiden Lippstädter, die der ersten Eskadron angehörten und als Freiwillige sich selbst ausgerüstet hatten, waren G. Kellerhaus, und zur Helle.

Von diesen Söhnen unserer Stadt, die voller Begeisterung dem Rufe gegen den Erbfeind folgen, kehren nicht alle wieder in die Heimat zurück. Nach einer in der Martkirche im Jahre 1816 enthüllten Gedächtnistafel waren folgende vier auf dem Felde der Ehre geblieben: Heinrich Plange, der unter den Freiwilligen der angeführten Truppenteile nicht angegeben wird, vermutlich also unter der Fahne eines anderen Regiments gekämpft hat, Peter Knüer, der 1815 mit nach Frankreich zog, und die Landwehrmänner Wilhelm Haase und Franz Schorlemmer. Sie sind für eine würdige, heilige Sache den Heldentod gestorben. Ihr ruhmvolles Ende soll uns unvergesslich bleiben.

Namen von Kriegern aus den übrigen Orten unseres Kreises finden sich in den von Harkort veröffentlichten Listen nicht. Gleichwohl darf man wohl berechtigter Weise annehmen, daß die Begeisterung und Vaterlandsliebe, die so viele Lippstädter ins Feld geführt hat, auch dort die Herzen der wehrhaften Männer erfüllt hat, daß auch von dort gar manch einer sein Vaterhaus und die heimische Scholle verlassen hat, um sich an dem großen Befreiungswerke zu beteiligen. Das dürfte sich aus anderen Quellen als denen, die dem Verfasser vorliegen, zur Genüge beweisen lassen.