von Dr. Kurt Vogel
in: Heimatblätter 2001, S.85-87



Und hier der Aufsatz als Fließttext mit einer Abbildung:
Salz- und Salzwassergewinnung in Bad Westernkotten – Geologische und hydrogeologische Voraussetzung
Von Dr. Kurt VOGEL (Lippstadt)
In: Heimatblätter Lippstadt 2001, Seite 85-87
1. Einführung
In Bad Westernkotten (Stadt Erwitte, Kreis Soest) stoßen zwei naturräumlich unterschiedlicher Bereiche aneinander, Der Norden gehört zum Westfälischen Tiefland.
Hier bilden dichte Mergel, die nur stellenweise von Sand und Schotter überdeckt sind, den Untergrund. Das in diesen Lockergesteinen anstehende Süßwasser ist wenig ergiebig, überlagert jedoch ein großes Salzwasservorkommen, das in den Klüften des Turons zirkuliert.
Im Süden stehen die Kalk- und Plänergesteine des Haarstrangs an. Große Wassermengen fließen sowohl unterirdisch als auch oberirdisch in Richtung Norden ab.
2. Geschichtlicher Abriss
Dem Salzwasser verdankt Westernkotten seine Bedeutung und zusammen mit den Süßwasserquellen auch seine frühe Siedlungsgeschichte. Westernkotten wird 976 erstmals erwähnt, seit dem 12. Jahrhundert wurde in Westernkotten aus Sole Siedesalz produziert. Bis 1845 wurde die Sole aus drei Brunnen gewonnen, die mitten in Bad Westernkotten auf dem Königssod-Platz lagen: Hauptbrunnen (= Königssood), vorderster und hinterster Brunnen — später umbenannt in Windmühlen-, Mittel- und Kappelbrunnen.
Sie wurden in 14 bis 17 m Tiefe erbohrt und haben in diesen Tiefen Kluftzonen in den Plänerkalken des Turons erbohrt, auf denen die Sole zirkuliert bzw. aufsteigt. Die geförderte Sole dient ausschließlich der Beschickung der Salinen zur Salzgewinnung.
1845 wurde an der Gieseler die Bohrung „Westernkottener Warte“ bis in 78 m Tiefe niedergebracht, sie hat die Kalksteine des Turons erreicht, ebenfalls mit aufsteigender Sole. Der Salzgehalt betrug 8,4 Prozent, die Temperatur ca. 20 Grad, die Bohrung war artesisch ist es auch heute überwiegend noch und es flossen ca. 2160 m³/d aus. Schon damals stellte man fest, dass die Ergiebigkeit der Bohrung veränderlich ist: Bei größeren Niederschlägen ist sie höher, auch steigt in diesem Fall der Salzgehalt. Eine stärkere Süßwasserauflast mobilisiert die in größerer Tiefe zirkulierende und höher konzentrierte Sole.
In Bad Westernkotten wurden anschließend noch weitere Bohrungen, zum Teil bis in 428 m Tiefe, abgeteuft, die einen hohen Salzgehalt (8,9 Prozent) und hohe Temperaturen (35 Grad) erreichten. Da die Menge zu gering war, wurde sie wieder verschlossen.
Im Jahre 1965 wurde die Bohrung „Westernfelder Solquelle‘“ als Reserve-Bohrung bis in 78,5 m Tiefe niedergebracht. Der Salzgehalt liegt bei ca. 7 Prozent, die Temperatur „nur‘“ bei ca. 14 Grad. Die Bohrung war anfangs artesisch, später konnten bis zu 10 m³/h abgepumpt werden.
3. Geographischer Überblick
Geographisch gesehen liegt der Raum Westernkotten im Bereich der Hellwegbörden bzw. des Geseker Hellweggebietes, die gegliedert werden in den Oberen Hellweg bzw. die Geseker Oberbörde im Süden und die flachere Hellwegtalung bzw. die Untere Hellweg bzw. Geseker Unterbörde im Norden. Die Geländehöhen liegen im Süden bei + 160 m NN und im Norden bei + 88 m NN.
Hauptvorfluter ist die Gieseler, die bei Eikeloh entspringt und in die Lippe mündet. Durch Bad Westernkotten fließt der Osterbach, im westlichen Bereich der Mühlenbach, beides Nebenläufe der Gieseler. Eine Besonderheit stellt die Pöppelsche dar, ein Trockental (Schledde), die nur in niederschlagreichen Zeiten Wasser führt, dann aber mit sehr hohen Mengen zu weiten Überflutungen führen kann.
4. Geologische Verhältnisse
Das Gebiet von Bad Westernkotten liegt am Südrand des Münsterschen Beckens, das nach Süden in die Schichtstufenlandschaft des Haarstrangs übergeht. Der Haarstrang wird aufgebaut aus Kalk-, Pläner- und Mergelsteinen der Cenoman- und Turon-Stufen der Oberkreide, in die Grünsandsteinhorizonte eingelagert sind, der Anröchter = Soester Grünsandstein. An der Basis der Oberkreide-Abfolge liegt über den Schiefertonen, Sandsteinen und Kalksteinen des Devons und Karbon in ca. 400 m Tiefe der Rüthener Grünsandstein. Der Haarstrang wird bezeichnet als Zone des offenen Karstes.
Am Fuß des Haarstrangs überdecken nach Norden hin weniger verfestigte Tonmergelsteine der Coniac-Stufe (früher auch Emscher-Mergel genannt) die Cenoman- und Turon-Ablagerungen, die Grenze verläuft ungefähr auf Höhe der Bundesstraße 1. Hier dürfen die Kalke und Pläner weniger verkarstet sein und eher die Eigenschaften eines Kluftgrundwasserleiters besitzen, der mit Sole gefüllt ist. Dieser Bereich wird auch als Zone des verdeckten Karstes bzw. als überdeckte Zone bezeichnet (Anlage 1). Im diesem Grenzbereich liegt eine nur wenige Meter mächtige Plänerschotterschicht (stark bis plattig gerundete Kalksteine) über den Ablagerungen der Oberkreide, Auf dem Haarstrang liegen stellenweise Löß- und Löss-Lehm, die teilweise nach Norden abgeschwemmt und dort wieder abgelagert worden sind und die die Oberkreide-Gesteine oder auch die Plänerschotter überlagern.
Die Gesteine der Oberkreide fallen am Haarstrang mit 3° bis 5° flach nach Norden ein, und da das morphologische Gefälle noch etwas flacher ist, treten nach Norden hin immer jüngere Oberkreideschichten auf.
Diese Abfolge wird von einige Störungszonen durchzogen, die zum Teil für einen Schichtenversatz bis zu 30 m führen. Hauptelement ist der NNW-SSO verlaufende Westernkottener Sprung, die Hauptquellenspalte des Soleaufstiegs, in den die NW-SO verlaufende Pöppelsche Störungsquelle einmündet.
Beherrschendes Bruchelement — und für die Wasserbewegung bedeutend — sind die Klüfte, die in den harten Kalksteinen scharenweise auftreten. In den weicheren Mergelsteinen ändern sich Kluftrichtung und -stärke häufig.
5. Hydrogeologische Situation
Die vorn beschriebenen einfachen geologischen Grundlagen führen auch zu relativ übersichtlichen hydrogeologischen Verhältnissen. Die Gesteine der Oberkreide stellen mit den vorhandenen Schicht- und Bankungsfugen und mit den Kluft- und Störungszonen einen guten Grundwasserleiter dar. Entsprechend dem Einfallen der Schichten fließt das auf dem Haarstrang fallende und zum Grundwasser durchsickernde Niederschlagswasser nach Norden bis Nordwesten ab. An der Grenze zu den Tonmergelsteinen des Coniac staut sich das Grundwasser und tritt in Quellen aus, fließt in die Plänerschotter hinein oder in größeren Tiefen unter dem Coniac-Mergel nach Norden. Nördlich der Grenzlinie Turon/Coniac sind zwei Grundwasser-Stockwerke vorhanden. Das tiefere Stockwerk liegt unterhalb der Coniac-Mergel, ist gespannt und stark versalzt. Das obere liegt im Plänerschotter und hat einen freien Grundwasserspiegel — es ist nur an wenigen Stellen, wo eine Lehmüberlagerung vorhanden ist, ebenfalls gespannt.
Die Auffüllung des Grundwasserleiters im Haarstrang erfolgt durch die Niederschläge und entsprechend den unterschiedlichen Niederschlagsmengen schwanken auch die Schüttungsmengen der Quellen sehr stark.
Die Fließzeiten des Grundwassers sind im Haarstrang sehr hoch und so treten nach Starkregen oder nach der Schneeschmelze schon nach kurzer Zeit Trübungen in den Quellen auf.
Auffällig sind die nach Norden gerichteten und vom Kluftnetz des Gebirges beeinflussten Trockentäler oder Schledden. Diese können bei starken Regenfällen kurzzeitig zu reißenden Strömen werden, Bei den Quellen können zwei Quelltypen unterschiedlich werden, die Karst- und die plänerschotterabhängigen Quellen (Anlage 2).
6. Geochemische Verhältnisse
Im Bereich der Bundesstraße 1 verläuft von Paderborn im Osten bis nach Essen im Westen eine markante Grenzlinie, die das im Süden nach Norden fließende und sich am Coniac-Mergel stauende „süße“ Grundwasser von dem im Norden vorkommenden „salzigen‘‘ Grundwasser trennt, bereichsweise von einem oberflächennahen „süßen“ Grundwasserhorizont überdeckt.
Diese Solequelle des Hellwegs ist in Bad Westernkotten durch zwei Störungszonen bedingt, nach Norden verschoben. Der chemische Inhalt des Süßwassers wird in der Anlage 3 durch eine Analyse der Bullerloch-Quellen wiedergegeben.
Die Anlage 4 zeigt den chemischen Inhalt der Bohrung Westernkottener Warte (Heilquelle 1). Sie fördert eine „Jod-Eisenhaltige-Kohlensäurehaltige Thermalsole*“, die Bohrung Westernfelder Solquelle eine „Jod-Kohlensäurehaltige Sole‘“. Bestimmend für den chemischen Charakter der Heilwässer ist der Natrium- und Chloridgehalt.
Mehrere Altersbestimmungen der Wässer beider Bohrungen (letztmalig 1998) haben ergeben, dass kein Tritium enthalten ist und dass die Wässer damit frei sind von jungem meteorischem Grundwasser, das nach 1950 neugebildet worden ist.
Eine Besonderheit ist der hohe Kohlensäuregehalt in den Heilwässern beider Bohrungen, Bad Westernkotten liegt im Bereich einer magnetischen Anomalie, die sich von Soest bis nahezu Paderborn erstreckt. Diese Anomalie, die wahrscheinlich auf Strukturveränderungen im tieferen Untergrund zurückzuführen ist, hat möglicherweise in der Tertiärzeit als Aufstiegsweg für basaltische Magmen gedient, die eine „Aufheizung“ bewirkt haben und auch Lieferant der postvulkanischen Kohlensäure sind. Die 820 m tiefe Bohrung Soest-Erwitte 1/1 a hat 1972 diesen magnetischen Körper erreicht.
7. Herkunft und Entstehung des Salzes bzw. Salzwasser
Im Münsterschen Becken ist das tiefe Grundwasser sowohl im paläozoischen Grundgebirge (Devon, Karbon) als auch im mesozoischen Deckgebirge (Ober-Kreide) versalzen. Heute nimmt man an, dass das Salzwasser aus den Salzlagerstätten des Zechstein, Röt (Trias) und Malm (Jura) stammt, die nordöstlich, nördlich und nordwestlich des Münsterschen
Beckens vorhanden sind, Es wird eine Migration auf großen Kluft- und Störungszonen und Durchtränkung der paläozoischen und mesozoischen Gesteine mit Salzwasser angenommen. Eine andere These geht auf die Vorstellung zurück, dass das während der Sedimentation eingeschlossene Wasser — Salz-, Brack- und Süßwasser — im Laufe seiner Geschichte eine Veränderung seines ursprünglichen Lösungsverhaltens erfahren hat.
Nach älteren Thesen sollen zur Kreidezeit einige Teile des Meeres abgeschnürt worden sein, in denen das Salzwasser verdunstete und Sole zurückblieb. Die Herkunft und Entstehung des Salzwassers ist trotz zahlreicher Deutungsversuche renommierter Wissenschaftler immer noch nicht endgültig geklärt.
8. Verwendung der Sole
Die Sole wurde früher ausschließlich zur Salzgewinnung verwendet., Zur Erhöhung des natürlichen Salzgehaltes von ca. 8 Prozent wurde seit 1835 (Gradierwerk) die Sole mehrmals über die Gradierung geleitet. Dabei verdunstete Wasser und der Salzgehalt wurde bis zum sechsfachen erhöht. Von den Sammelbehältern unter der Saline floss die gesättigte Sole den Sudhäusern zu, wo sie erhitzt wurde. Es bildete sich ein grobkörniges bis feines Tafelsalz. Nach Trocknung des Salzes wurde es in Säcke verpackt und verkauft (1968: 40 000 Zentner!). Die Salzgewinnung dauerte bis zum Jahr 1949. Seit 1845, der Nutzung der Wässer aus der Bohrung Westernkottener Warte, wurde die Sole auch zu Heilzwecken verwandt. Jährlich werden aus beiden Bohrungen rd. 33 000 m³ Sole gefördert und für die beiden Gradierwerke, die Hellweg-Solethermen sowie für Anwendungen wie Wannenbäder, Inhalationen oder Trinkkuren genutzt.
9. Zusammenfassung
Mindestens seit dem 12. Jahrhundert wurde in Westernkotten aus Sole Siedesalz produziert, belegt ist die Zeit zwischen 1261 und 1949. Heute dienen die beiden Gradierwerke nur noch der Frischluftinhalation (Aerosol-Therapie). Die Solebohrungen wurden 1981 staatlich anerkannt und werden heute therapeutisch genutzt.
