2003: Herkunft hat Zukunft- über Heimatbewusstsein und Identifikation in Bad Westernkotten

von Wolfgang Marcus [aus: Vertell mui watt 2003, Nr. 224-228]

„Herkunft hat Zukunft“ — so lautet eine knappe Formel, die ich jüngst in einem Fachbuch für Industriekultur fand und die deutlich machen will, dass Erhalt und Präsentation von Denkmälern dazu beitragen können, „regionale Identität zu bewahren und weiter zu entwickeln und somit die Zukunft unseres Landes bauen helfen.“ [1]

Diese Formel hat mich dazu veranlasst, einige Gedanken zum Thema „Heimat“ und „Identifikation“ sowie „Identitätsstiftung“ zusammen zu stellen. Dabei haben mich die folgenden Leitfragen bewegt:

I. Was verknüpft sich aus meiner Sicht mit dem Begriff „Heimat“?

Il. Was verbinden die Bewohner Bad Westernkottens mit ihrem Wohnort/Heimatort?

III. Was können wir tun, dass viele Einwohner Bad Westernkottens ihren Wohnort als Heimatort erfahren?

Zu. I. Was verknüpft sich aus meiner Sicht mit dem Begriff „Heimat“?

„Heimat“ ist umgangssprachlich ein schillernder Begriff geworden, er suggeriert ebenso Geborgenheit, Wärme, Verwurzelung wie auch Provinzialität, Nationalismus, Heimat-Tümelei und Verklärung der Vergangenheit bzw. des eigenen Landes. Der Begriff „Heimat“ lässt sich meines Erachtens zum einen in Bezug auf die Zeit, zum anderen in Bezug auf unterschiedlich große Räume definieren. Zunächst soll aber eine statistische und eine herkunftsgeschichtliche Betrachtung folgen.

  1. Heimat, statistisch betrachtet

„Statistisch ist Heimat für 31 Prozent der Deutschen der Wohnort, für 27 Prozent der Geburtsort, für 25 Prozent die Familie, für sechs Prozent die Freunde und für elf Prozent das Land.“[2]

2. Das Wort „Heimat“ herkunftsgeschichtlich betrachtet

Das Wort „Heimat“, das nur auf den deutschen Sprachraum beschränkt ist, ist vom gemeingermanischen Wort „heim“ abgeleitet (vgl. englisch home = Haus, Wohnung, Aufenthaltsort, Heimat). Dies bedeutet „Ort, wo man sich niederlässt, Lager“. Zu dieser Wortgruppe gehören auch die Wortgruppen von „Heirat“ (urspr.: Hausbesorgung) und „geheuer“ = zur Hausgemeinschaft gehörig). Mit dem Adverb „heim“ sind einige Verben unfeste Zusammenhänge eingegangen (vgl. heimfallen, heimgehen, heimleuchten, heimsuchen und heimzahlen). Bei den Ortsnamen finden sich viele mit der Endung-heim, vgl. Mannheim, Bochum und Dahlem, oder aus unserem Bereich Hockelheim. Weitere Ableitungen neben „Heimat“ sind „heimisch“, „heimlich“, „heimtückisch“, „Heimweh“, „Heimwesen“, „anheimelnd“, „einheimsen“, „geheim“ und „Heimchen“. [3]

3. Heimat definiert sich über die Zeitdimension

a) In Bezug auf die Vergangenheit sind es oft die „guten alten Zeiten“, die als wahrhaft paradiesische Heimat erinnert und wahrgenommen werden. Aus einer Entfremdung zur Gegenwart oder aus einer Perspektivlosigkeit im Hinblick auf die Zukunft wird hier die Vergangenheit oft verklärt und romantisiert.

b) In Bezug auf die Gegenwart wird Heimat oft gleichgesetzt mit „sich heimisch fühlen“ und „zu Hause sein.“ Aber auch ein Einssein mit der Natur oder der Ferne kann hier gemeint sein, vgl. etwa den Schlager „Meine Heimat ist das Meer“ u.a.

c) „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruhe, in Freude und in Schmerzen der ewigen Heimat zu“, so heißt es in einem alten Kirchenlied. Hier ist die letzte Heimat des Menschen bei Gott; in Gott erfüllt sich die Sehnsucht nach Ganz-Sein, nach Heil-Sein, nicht mehr Kaputt-Sein, nach Daheim-Sein, nach „Ganz-bei-sich-Sein“ und „Ganz-in-Gott-Sein“, nach Himmel und vollendetem Glück.

4. Heimat ist auch nach unterschiedlichen Bezugsräumen abgrenzbar

a) „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich…“ heißt es in einem alten Meditationstext. Hier ist jemand ganz eins mit sich selbst, er ist nicht innerlich zerrissen, er kennt sich, hat seine innere Heimat gefunden.

b) „Daheim ist es doch am Schönsten“, „Trautes Heim, Glück allein.“ Hier wird nochmals deutlich, dass „Heimat“ und „Heim“ den gleichen Wortstamm haben bzw. „Heimat“ von „Heim“ abgeleitet ist. Hier sind die Wohnung und die Familie die Heimat.

c) „Heimathafen“, „politische Heimat“, „sich heimisch fühlen“, „Heimatkunde“, „Heimatpfarrei“, „Heimatliebe“, „Heimatverbundenheit“, „Heimatkalender“, „ein Einheimischer“, „heimische Pflanzen“, „heimatlos“, „Heimspiel“, „Heimvorteil“, „Heimatzeitung“, „Heimweh“. Hier ist mit „Heimat“ vor allem der Heimatort, der Wohnort gemeint, die Menschen dort, die Vereine, die Feste, Feiern und Bräuche, die Landschaft, die Geschichte. „Heimat“ hat hier einen lokalen Bezug.

d) „Heimat“ hat aber auch einen regionalen und nationalen Bezug. Wir sind Menschen aus dem Hellwegraum zwischen Sauerland und Münsterland, wir sind Westfalen oder Mitglied einer anderen Landsmannschaft, wir sind Deutsche oder kommen aus einem anderen „Heimatland“.

e) „Heimat“ hat aber auch weltweite Dimension. Unser blauer Planet ist die gemeinsame Heimat von mehr als 6 Milliarden Menschen. Bernhard Schlink [s.o.] ist aber sicher zuzustimmen, wenn er schreibt: „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat — letztlich hat sie weder einen Ort noch ist ‚sie einer. Heimat ist Nichtort. […]Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird er erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh…] Entsprechend seiner utopischen Qualität wird der Begriff der Heimat denaturiert, wenn Heimat vom Nichtort zum Ort gemacht wird

III. Was verbinden die Bewohner Bad Westernkottens mit ihrem Wohnort/Heimatort?

Wir haben in den letzten 50 Jahren fast eine Vervierfachung der Bevölkerung, vor allem. durch Wanderungsgewinne, also Zuzug, erlebt.

– Sind diese Menschen alle heimisch in Bad Westernkotten?

– Oder ist es für viele nur ein Wohnort oder sogar nur eine „Schlafstadt“, ein vorübergehender Aufenthaltsort?

Auf der anderen Seite ist grundsätzlich zu fragen:

– Ist es wünschenswert, dass möglichst viele Menschen stolz auf ihren Heimatort Bad Westernkotten sind? Und dass aus diesem Stolz-Sein auch Verantwortlichkeit für den Ort, seine Geschichte, seine Landschaft und die Menschen, die in diesem Ort wohnen, erwachsen?

– Ist es wünschenswert, dass sie Heimweh nach Bad Westernkotten bekommen, wenn sie längere Zeit in der Fremde weilten?

Als Mitglied des örtlichen Heimatvereins kann ich diese Fragen nur uneingeschränkt mit „Ja“ beantworten“. Auf der anderen Seite offenbaren aber schon die Fragen, dass es eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt, dass viele Menschen also wenig stolz auf diesen Ort sind, ihn eher nur als Schlafstadt benutzen und sich nicht für ihn einsetzen. Ich nenne dafür einige Beispiele:

– Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich etwa in einem Verein (für unseren Ort) zu engagieren, ist‘ zwar immer noch sehr hoch, aber doch rückläufig. Vereine (nicht nur bei uns) haben Probleme, alle Positionen zu besetzen oder sogar ihr Weiterbestehen zu sichern, aus sicherlich sehr unterschiedlichen Gründen: hohe Anforderungen und Stress am Arbeitsplatz, individualisierte Freizeit und umfassendes, leicht konsumierbares Freizeitangebot, geringere Bindungsbereitschaft an Großgruppen und Verbände…

– Auch die Mitgliederzahlen zahlreicher Vereine stagnieren bzw. schrumpfen, Ebenfalls sind hier zahlreiche Gründe ausschlaggebend,

– Bei Festen und Feiern sind zumeist dieselben Gesichter zu sehen. Viele Leute sieht man nie.

– Etwa bei der Sternsingeraktion wird die Erfahrung gemacht, dass in bestimmten Straßen oder (zumeist Mehrfamilien-) Häusern die Türen gar nicht geöffnet werden, Hier werden die kleinen Sternsinger tlw. sogar deutlich abgewiesen.

– Auch die Bindungswirkung der Kirchen lässt nach. Man siehe nur auf den Gottesdienstbesuch, aber auch die Bereitschaft, sich offensiv aus dem Glauben zu engagieren…

Was ist es umgekehrt, dass uns stolz sein lässt auf unseren Ort Bad Westernkotten und uns Heimweh bekommen lässt, wenn wir lange weg sind. Es sind m.E. die folgenden Faktoren:

1.Es sind die Menschen, mit denen man hier lebt, feiert, Freud und Leid teilt, die Vereine, in denen man sich verbunden weiß, die Kirchen und Gemeinschaften, unser Sozialsystem, unsere Bräuche wie Lobetag und Schützenfest.

2.Es ist unser Ortsbild mit dem alten Kirchturm, der alten Schule, der Mühle, aber auch den Sole-Thermen, dem Kurpark, dem schönen Osterbach uvm.

3.Es ist unsere Landschaft, am Rande von Haarstrang und Sauerland im Süden, und am Südrand des großen Münsterlandes. Es sind die fruchtbaren Lössböden, die Pöppelsche und die Gieseler, das Muckenbruch und die weiten Blicke von der Haar, die unser Herz berühren (können).

4. Es ist unser Selbstverständnis als Heilbad, das gern fremde Menschen willkommen heißt, als „gute Stube“ in der Stadt Erwitte, als Wander- und Radfahrerparadies, 5.Und es ist unsere Geschichte, der Kampf unserer Vorfahren um weltliche und religiöse Freiheit, der Kampf um eine wirtschaftlich gesunde Zukunft in der Landwirtschaft und im Handwerk, bei der Salzherstellung und der Verwendung der Sole zu Heilzwecken.

III. Was können wir tun, dass viele Einwohner Bad Westernkottens ihren Wohnort als Heimatort erfahren?

Entscheidend ist, wie die o.g. fünf Punkte wahrgenommen und erfahren werden:

– Wie wird — um es auf einen Begriff zu reduzieren – unser Sozialsystem wahrgenommen, erfahren und bewertet?

– Wie werden unsere Landschaft und unser gewachsener und aktueller Kulturraum von der Bevölkerung wahrgenommen und bewertet? Und wie tragen Landschaft und Kulturraum zur Identitätsfindung und -bildung in Bad Westernkotten bei?

– Wie wird unser gemeinsames Engagement für eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft wahrgenommen und bewertet? Kämpfen wir hier gemeinsam, oder herrscht das Denken vor, dass immer nur einige wenige profitieren?

– Wie wird unsere Geschichte erfahren: langweilig, provinziell und wenig erzählenswert? Oder: lebendig, befreiend und motivierend?

In allen Bereichen gilt es, (Selbst-)Bewusstsein zu stärken, gemeinsame Ziele im Sinne eines Leitbildes (Wie wollen wir werden? Wie wollen wir — nach außen- wirken?) zu verabreden und konkrete Schritte zur Verwirklichung zu beschreiten. Wichtige Stichworte[4]  sind für mich: Schritte zu einer Bürgergesellschaft mit vermehrtem bürgerschaftlichem, gemeinschaftlichem Engagement, Arbeit an einem Leitbild und klaren Zielperspektiven, Vernetzung einzelner Dienste und Systeme, Akzentsetzung in der Politik und in anderen Sozialbereichen weniger auf quantitatives denn auf qualitatives Wachstum, Schaffung kommunikativer Prozesse, Verringerung von Isolation, projektorientiertes Arbeiten, Auf einer konkreteren Ebene könnten folgende Ziele und

Maßnahmen verfolgt werden:

1. Verzahnung der sozialen Dienste von kfd, der Caritas, der AWO, der Kirchengemeinden im Bereich der Individualseelsorge und weiterer Dienste. Dabei geht es darum, Betreuungsbezirke zu bilden, dort den Überblick zu behalten, ein Wir-Gefühl in diesen Vierteln zu vermitteln (Nachbarschaftstreffs Patenschaften für Ortsbereiche, Straßenfeste!) und Neuzugezogene zu integrieren.

2.Heranführung der „Fernstehenden‘“ an Ortsgemeinschaftsaktionen (Feste, Arbeitseinsätze…) und die örtlichen Vereine. Dazu sollten die Vereine konkrete gemeinsame Schritte verabreden, z.B. die weitere Koordination der Bildungsfahrten und sonstiger Angebote.

3. Landschaft und Naturraum sollten unter fachkundiger Leitung immer wieder erlebbar werden, auch etwa bei Müllsammelaktionen und Übernahme von Patenschaften. Man kann nur lieben, was man kennt.

4. Kampf für gemeinsame Ziele: Abbau der Arbeitslosigkeit in Bad Westernkotten, Pflege und Erhalt der Infrastruktur (Werterhalt von Immobilien usw.)

5. Geschichte und Traditionen pflegen und erfahrbar machen: durch historische Rundgänge, Heranführung neuer Gemeindemitglieder etwa an die Tradition des Lobetages usw. Hier ist sicher noch viel zu tun. Aber erste Schritte sind bereits eingeleitet. Und sicher gilt „Immer ist auch der Weg das Ziel“.


[1]  Aus: Deutsche Gesellschaft für Industriekultur (Hgg.), Industriekultur und Technikgeschichte in Nordrhein-Westfalen: Initiativen und Vereine, Essen 2001, Resolution S.133

[2] nach Bernhard Schlink: Heimat als Utopie, Suhrkamp, Frankfurt 2000

[3] nach: Duden 7. Das Herkunftswörterbuch, Mannheim 1967

[4] die hier nur noch angedeutet werden können