Wolfgang Marcus
Im Aktenbestand von Maria Peters fand ich einen dreiseitigen Text und einige abfotografierte Fotos und Dokumente zu Fritz Holle. Ich habe sie transkribiert und hier zusammengefügt.
Helmut Holle, geb. 7.7.1932 wohnhaft Geiststr. 8 — 59555 Lippstadt: Berichte meines Vaters Fritz Holle und eigene Erinnerungen.
Mein Vater ist 1899 geboren. Im 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 hat er sich 1916 freiwillig zum Militär gemeldet und wurde zum Flieger ausgebildet. Alte Dokumente seiner Auszeichnungen und alte Bilder liegen noch vor.

Soldat im 1. Weltkrieg: Fritz Holle
Bekanntlich war die Türkei mit Deutschland gegen England verbündet. Mein Vater war bis 1922 in der Türkei in Englischer Gefangenschaft und kam schwerkrank zurück. Urlaubsbilder zeigen ihn mit Josef Eikenbusch. Postkarten erhielt er von dem später gefallenen Nachbarsoldaten Franz Vogel. Als Kinder haben wir uns immer über den Mut meines Vaters beim Ersteigen hoher Bäume und Gebäude gewundert. Da zeigte sich immer noch der Flieger im Krieg.

Wohl ein Foto mit Fritz Holle an Bord eines kleinen Flugzeugs. Auf dem linken Schild ist zu lesen: Flucht aus der Wüste Döberitz.

„Im Namen seiner Majestät des Kaisers…“ ist auf diesem Ausweis zu lesen.

Besitzausweis des Fliegers Fritz Holle vom 21. November 1918
Im Jahre 1933 erfolgte durch die N.S. die Machtübernahme. Mein Vater war aus seiner Erfahrung und Christlichen Grundhaltung, ein absoluter Nazigegner. Beim Kriegsausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er trotz seiner 7 Kinder in der Nacht zum 1. September 1939 als erfahrener Frontflieger gleichzeitig mit Lehrer Weißmüller aus Stirpe in der Nacht eingezogen. Er kam auf den Flugplatz von Stendal bei Berlin und kam erst 1942 nach der Geburt des 8. Kindes wieder nach Haus.
Als Nazigegner hatte er im Dorf nicht nur Freunde und so musste er 1944 6 Wochen am Westwall zum Schippen. Im Jahre 1945 wurde er nochmals zum Volkssturm eingezogen, ist dann aber bei Nacht und Nebel wieder nach Stirpe und hat sich im Kohlenkeller versteckt. Da bei Kriegsschluss die Gebäude des Hauses Vogel abgebrannt waren und Herr Fritz Vogel noch in Kriegsgefangenschaft war, hat mein Vater, der als Landwirtschaftshelfer Erfahrung hatte, 1 ½ Jahre lang den landwirtschaftlichen Hof Vogel verwaltet. Zum Hof gehörten damals ca. 60 Morgen Acker- und Weideland.
Ich durfte mit 13 Jahren mit zwei Ackergäulen das Land pflügen, scharen und eggen und somit meinem Vater bei seiner landwirtschaftlichen Arbeit mit Begeisterung helfen. Vom Hof das eigene Pferd Herta war mit verbranntem Rücken bei dem Kriegsbrand noch übergeblieben. Das andere Pferd hieß Dora und war beim Kriegsbrand umgekommen. Dafür erhielt der Bauernhof Vogel ein altes Militärpferd, und mein Vater konnte damit den Hof notdürftig über Wasser halten, bis dass Herr Fritz Vogel aus der Kriegsgefangenschaft wieder zurückkam.
Ich kann mich erinnern, dass wir im alten Haus Vogel auf dem alten Tanzsaal vor dem Krieg 1939 schon einen Kindergarten in Stirpe hatten. Ich selbst habe diesen einige Jahre vor 1939 bei Schwester Helga besuchen dürfen. Ich kann mich erinnern, dass Josef Schlüter mit Finchen Gerling Kindergartenschützenkönig war und deshalb nie nachher den Schützenvogel abgeschossen hat.
Mein älterer Bruder Albert wurde bei der Hitlerjugend Jungzugführer mit Grüner Kordel. So wurde ich natürlich Jungschaftsführer.
Mein Bruder Albert wollte sich freiwillig zum Militär melden. Mein Vater hat den Schein verbrannt. Das war natürlich gefährlich. Vom Krieg spürten wir zunächst nicht viel. Wenn die eingezogenen Stirper in den Urlaub kamen, gingen sie in Ausgeh-Uniform stolz durchs Dorf. Wer ein Pferd hatte, ritt sogar schon mal durchs Dorf. Beim Urlaubsende wurde aber manche Träne geweint. Einer der ersten Gefallenen war unser Nachbar, Heinrich Toll. Unser damaliger Nachbar Linneman verlor 4 oder 5 Söhne. Es gab im Dorf Eltern, die den Tod mehrerer Söhne beklagten. Viele junge Männer wurden als vermisst gemeldet. Die Hoffnung starb zuletzt. Immer wieder läuteten die Glocken, wenn wieder einer gefallen war.
Erst waren die Deutschen überall siegreich. Doch dann wurden die Städte bombardiert. Fast alle jungen Männer im Dorf fehlten. Sie wurden zu Soldaten in Polen, Frankreich, in den Beneluxstaaten und Russland. Unsere Großstädte wurden zerstört und es kamen zunächst die Obdachlosen in die Dörfer, so auch nach Stirpe. Es wurden Behelfsheime gebaut. So sind mir noch einige Namen geläufig: Familie Krenz und Maletzki usw. Die Dorfbauern erhielten für ihre, als Soldaten eingezogenen Söhne, kriegsgefangene Franzosen, Polen und Russen zur Feldarbeit. Einige Namen dieser Kriegsgefangenen sind mir noch geläufig. Z.B. Ludwig, Bertram usw. Dann begannen auch in den Dorfgegenden die Tiefangriffe und die Bombenabwürfe. Eine Nacht am 6. Dezember wurde Soest bombardiert. Die Erde bebte noch in Stirpe. Ab 1. April 1943 kam ich gemeinsam mit Hans Frickenstein und Heinz Knoop in Lippstadt auf die Ostendorfschule. Hier mussten wir öfter schon am Morgen in den Luftschutzkeller.
An einem Samstagmorgen fielen schon morgens um 11 Uhr im Lippstädter Süden die Bomben und erwischten uns auf dem Heimweg nach Stirpe. Wir konnten uns nur noch im Graben retten und haben alles gut überstanden. Ostern 1945 ging auch in unserem Dorf Stirpe der zweite Weltkrieg zu Ende. Halbverhungerte, elende Gefangenenzüge aus dem Ruhrgebiet zogen durch die Stirper Straßen. Unser Dorf wurde von Volkssturmmännern und jungen Hitlerjungen verteidigt. Davon sind 11 Verteidiger gefallen und zunächst vor unserer Stirper Dorfkirche bestattet. Von den Angreifern sind zahlreiche Amerikaner gefallen. Drei Häuser sind abgebrannt und einige teilweise zerstört.
Da unser Haus nur wenig abgekriegt hatte, musste unsere Familie mit 11 Personen das Haus für einige Tage räumen und den Amerikanern überlassen. Wir haben beim Bauer Möllers auf dem Scheunenboden übernachtet und durften dann in das eigene Haus zurück.
Da wir auf der Ostendorfschule etwas Englisch gelernt hatten, durften Hans Frickenstein und ich zwischen Ortsvorsteher Möllers und den Amerikaner notdürftig dolmetschen.
Nachdem es im Dorf wieder etwas ruhiger geworden war, fanden wir jungen Burschen alle Sachen die die Amerikaner mitgebracht hatten, die wir bisher vermisst hatten. Sei es Süßigkeiten, Schokolade usw. Aber auch Panzerfäuste, Karabiner, Maschinengewehre und viel Munition wurde gefunden und es ist ein Wunder, dass außer einige Verwundungen nicht mehr passiert ist.
Aber dann kamen die in wilden Lagern hausierenden Gefangenen, die die einzelnen Bauernhöfe und anderes regelmäßig überfielen und alles, was zum Schlachten oder Essen geeignet war, stahlen, schlachteten und zerstörten. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, tauchten die ersten Flüchtlinge aus den Ostgebieten auf und mussten untergebracht werden. Auch hier wurden von beiden Seiten viel Toleranz und Verständnis vorausgesetzt. Es hat Jahre gedauert, bis man durch Information und gegenseitiges Verständnis zu einer Gemeinsamkeit gefunden hat.
Ich möchte den Bericht, der nur wenig von dem wiedergeben konnte, was tatsächlich passiert ist, damit schließen, dass Ähnliches nie wieder geschieht.
Nachtrag:
In den Jahren 1942 bis 1943 hatten wir in Stirpe auch eine Einquartierung von Deutschen Soldaten. Bei uns im Elternhaus hatten wir 2 Soldaten. Ich kann mich noch an die Hausnamen erinnern. Einer hatte den Namen Gerke und der andere hieß Kaerke und war von Beruf Frisör und hat mir noch die Haare geschnitten. Als ich auf meiner Ziehharmonika gespielt habe, sagte der Frisör, du spielst schon gut, aber ich solle mir die Fingernägel sauber feilen. Auf dem Dorf war das noch nicht überall üblich.