Wolfgang Marcus
Aufsatz auf der Basis eines Vortrags aus Anlass des Bauernballes des LW Ortsvereins Bad Westernkotten am 24.2.2007
Vorbemerkungen
Ich bin kein Landwirt, deshalb ist so ein Vortrag schwierig für mich. Ich will mich aber ein wenig in Bauern von damals hineinversetzen.
Heinz-Bernd Ostermann hatte mich gebeten, etwas zur 100jährigen Geschichte des Vereins zu sagen; reine Geschichtsdaten könnten aber langweilig sein; deshalb habe ich mich zu zwei Änderungen entschieden: a) keine Konzentration auf die letzten 100 Jahre, sondern Streifzug durch die westf. Bauerngeschichte mit Bezügen zu Bad Westernkotten, b) kein reiner Textvortrag, sondern auch Lieder, und sowohl bei den Liedern als auch bei den Texten soll das Publikum mit einbezogen werden.
„Streifzug“ heißt, dass ich hier die Geschichte nicht vollständig wiedergeben kann, sondern einige ausgewählte Punkte und Stationen der Geschichte „streifen“ möchte; vieles musste weggelassen werden!
So wollen wir gleich mit einem Lied anfangen, ein Lied, das in die Erntezeit passt, als die Erntewagen noch von Pferden oder Zugtieren gezogen wurden: Hejo, spann den Wagen an!
Jungsteinzeit, Bronze-, Eisen- und Römerzeit
Nach der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren bereitete sich in unserer Region Wald aus (vgl. Bökenförde, Eikeloh, Eickelborn); dieser wurde von Jägern und Sammlern der Mittleren Steinzeit (8000-4000 v. Chr.) durchstreift; sie waren nur teilweise sesshaft und domestizierten Vieh, nachdem die Bevölkerung weiter zugenommen hatte, also ist die Viehzucht älter als der Landbau.
Erste Spuren von sesshaften Bauern finden sich in der Jungsteinzeit (4000-1700 v.Chr.) in der sog. Domhofsiedlung auf der Gemarkungsgrenze zw. Erwitte und Bad Westernkotten; Funde: Mahl- und Läufersteine, steinerne Äxte, Hämmer und Beile und Hacken aus Geweihteilen. Aus Knochenfunden und Blütenpollenanalysen weiß man, dass die jungsteinzeitlichen Bauern Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine hatten und verschiedene Getreidearten sowie Erbsen und Bohnen anbauten. Also: Seit mehr als 5000 Jahren wird im Raum Bad Westernkotten der Boden umgepflügt und bearbeitet, daran sollte man auch denken, wenn man heute den Boden bewirtschaftet.
Pfostenlöcher und Steinfundamente aus der Bronze- und Eisenzeit (700 v. Chr.- um Christi Geburt) fanden sich bei Ausgrabungen im Hockelheimer Feld), Menschen lebten damals in kleinen Verbänden und Sippen zusammen.
Die ältesten schriftlichen Berichte über die Landwirtschaft in unserem Raum kommen von den Römern; schließlich war der Hellweg ein Heer- und Handelsweg; man merkt allerdings in den Schriften eine gewisse Arroganz der Eroberer und zivilisierten Römer. Aber durch die Römer und überhaupt den Handel ist der Menschenschlag am Hellweg offener, weltoffener geworden.
Mittelalter
Der sog. Wühlpflug wurde erst nach 500 von dem schollenwendenden, unsymmetrischen Scharpflug abgelöst, später führte man möglichst lange Streifen in der Flur (Gewannflur) ein, um den Pflug nicht zu oft umsetzen zu müssen.
Aus den Sippenverbänden bildeten sich die ersten Dörfer oder besser Weiler: in unserem Raum Aspen, Hockelheim, Ussen, Weringhausen und Soecke; ihre Lage kennen wir aus der Karte von 1575-1590; alle lagen in der Nähe von Wasser; sie wurden nach 1444 (Soester Fehde) aufgegeben, die Neuansiedlung erfolgte rund um die Salzhütten.
Aussehen und Aufbau eines bäuerlichen Anwesens können wir demnächst aus der Siedlung Hockelheim erkennen, Grabungen werden 2007 noch fortgesetzt. Dort stand ein großes Wohnhaus, ca. 24 m lang, 5-6 m breit; es hatte keine Raumunterteilung durch Wände, war offen bis zum Dach, die Wände aus Flechtwerk waren mit Lehm, teilweise auch Kuhdung verputzt – wie bei Fachwerkhäusern. Daneben finden sich weitere Gebäude, vgl. das Freilichtmuseum Detmold.
Bis ca. 700 wohnten bei uns die germanischen Stämme der Brukterer (Münsterland), der Marser und Sugambrer (Sauerland) und der Cherusker (Lipperland), dann drangen ab 696 die Sachsen aus Norden kommend über die Lippe in unseren Raum vor; sie kannten keine Könige, lebten in kleinen Sippenverbänden, waren streng gegliedert in wenige Edelleute (später Adel), Freie und Halbfreie; im Krieg traten sie in Heeresverbänden auf, Westfalen, Ostfalen (östlich der Weser) und Engern dazwischen (etwa von Werl bis Corvey. Einer der großen Heerführer der Sachsen war Widukind, dessen Grab sich in Enger befindet.
Von 772 und 804 dauerte dann der sog. Sachsenkrieg, den das Reich der Franken unter ihrem König Karl gegen die Sachsen führten. Christianisierung durch Karl mit dem Schwert; Edelinge waren aber oft schnell bereit, den neuen Glauben anzunehmen, weil Karl ihnen dann Ämter und Würden übertrug und Land zurückgab. So gewann er treue Gefolgsleute.
799 haben die Bauern hier noch etwas Besonderes gesehen: Der damalige Papst kam den Hellweg entlang (Begegnung mit König Karl in Paderborn, 800 dann nach Rom, Kaiserkrönung).
Weiter Stichworte: Klöster, Kirchen, Schulbildung, Abgabe des Zehnten (vgl. Lev 27,30); vgl. Zehnthaus, Zehntscheune… Das älteste Kloster hier (Kloster Corvey) bekam die Gebeine des Heiligen Vitus (große Prozession über den Hellweg, im selben Jahr noch Gebeine des Hl. Liborius).
Mit Corvey hängt auch die möglicherweise erste Erwähnung Westernkottens zusammen; ca. 976 heißt es: „Helmerich schenkte für sich und seine Schuldner in Cotun 110 Morgen und 5 Tagewerke“; dies war eine Art Aussteuer (Schenkung, Tradition) bei Eintritt eines Sohnes in ein Kloster; Kirchen wurden die größten Grundherren.
Verlust der Freiheit, Lehnswesen, Leibeigenschaft: Es entwickelte sich ein Feudalsystem: Der Kaiser belehnte seine Edelleute und Vasallen sowie die Kirchen mit Grundbesitz, dafür mussten sie ihm Treue schwören, die Verwaltung übernehmen und mit in den Krieg ziehen; auch viele einstmals freie Bauern begaben sich in den Schutz eines Lehnsherren oder Grundherren, da sie nicht gleichzeitig Kriegsdienst und Landwirtschaft leisten konnten; so übergaben sie ihr Land und der Adelige stellte Männer für den Kriegsdienst; ab 1200 gab es praktisch in unserem Raum keinen freien Bauern mehr, sondern nur Großgrundbesitzer mit unterschiedlich abhängigen Bauern; dieser Zustand dauerte bis ins 19. Jahrhundert, als die Preußen die Bauernbefreiung durchführten
Größter Grundbesitzer wurde 1027 der Paderborner Bischof Meinwerk, der de Königshof in Erwitte mit den Salzquellen in Bad Weko geschenkt bekam und seinerseits wieder Lehnsleute hatte; so wurden bei uns viele Bauern auch Sälzer; seitdem: Immer Streit zwischen Paderborn als größtem Grundeigentümer und Köln als Landesherr. Weitere Grundeigentümer waren die Klöster Benninghausen, Cappel, Meschede, Corvey, sowie u. a. die weltlichen Adligen von Landsberg, von Erwitte, von Ense (später von Schade und von Papen) und von Bredenoll; Verwalter der Grundbesitzer hießen oft Meier oder Schulte; gemeinschaftlich waren den Bauern nur die sog. Gemeine Mark oder Woldemei, bei uns im Wesentlichen das Westernkötter Bruch mit dem Muckenbruch als tiefster Stelle; Gemeinschaftsflächen dienten vor allem der Viehweide – Hirten- bzw. Hütejungen beschäftigt – Schnadgänge zur Kontrolle sind auch nachweisbar.
Insgesamt war die Landwirtschaft im Mittelalter mühsam mit wenig Ertrag, wenig Rechten (Ius primae noctae), wenig Perspektive; Menschen wurden nicht alt, Bauerngärten waren selbstverständlich; Kartoffeln gab es erst durch den Preußenkönig Friedrich II. ab ca. 1750; fast 80 Prozent der Bevölkerung waren Bauern!!
Deshalb nun dieses Lied: Arg muss sich der Bauer quälen [Liedzettel]
Bauernkrieg 1525, 17. u. 18. Jahrhundert
Hier nur einige Stichworte: Landwehr von 1506; Kirche aus Ussen; Luther, Voraussetzungen für den Bauernkrieg; Lied: Wir sind des Geyers schwarzer Haufen [Zupfgeigenhansel S. 36]
Folgen des Bauernkrieges: Weitere Unterdrückung der Bauern, bis ins 19. Jahrhundert.
1536: Erste Steuerlisten, erste fast vollständige Namensliste [Heimatbuch S.100]; Namen wie Mönnig, Löper, Hinninger, Wieneke, Schweins, Hense, Göbel usw. lassen sich bis heute nachweisen; ca. 900 Einwohner.
1524: Mönch Westermann predigt in Lippstadt die evangelische Lehre, viel Auseinandersetzungen auch in unserem Raum
1555: Augsburger Religionsfrieden
1566-1609; Spanischer Erbfolgekrieg; Krieg hieß auch immer: Truppen verpflegen; diese fraßen wie die Heuschrecken, oft auch Freikaufen von Überfällen durch Zahlungen
1618-48: Dreißigjähriger Krieg, Toller Christian von Braunschweig; 1622 alles in Brand gesteckt – Dorfanleihen nötig; Hexenverfolgung, Pest von 1635 – Lobetag; 1630 wird Landwehr verstärkt, vgl. Stein in der Kirche
1717: Gründung eines eigenen Bauernschützenvereins (bis 1858, dann Zusammenlegung)
1756-63: Siebenjähriger Krieg; danach aber auch neue Einnahmequellen durch vermehrten Holztransport (Holzweg!) zu den Salzhütten, durch Pfr. Korte auf neuesten Stand gebracht
1773 Kopfschatz Knechte und Mägde: 33 Haushalte mit 1 Schäfer, 26 Knechten oder Jungen, 37 Mägde, insgesamt 64 Personen bei Einwohnern von etwa 900-100
Lieblingsvornamen 1775: Jungen: Josef, Christoph, Caspar, Wilhelm, Laurenz, Franz und Albert; Mädchen: Elisabeth, Wilhelmine, Annemarie, Gertrud und Josephine
Viehschatzregister aus dem 18. Jh. liegen vor: 1781: 149 Haushalte mit Vieh, 90 Pferde, 3 Esel, 234 Stück Rindvieh, 694 Schafe, 150 Schweine, 66 Ziegen
Wenig technischer Fortschritt, lag auch am Landesherrn Köln: Unter dem Krummstab lässt es sich gut leben, 6-Felder-Wirtschaft, Kühe max. 300 Pfund, Kälber hatten nur Größe einer Ziege.
Bauernbefreiung und 19. Jahrhundert
1789: Französische Revolution, 1801 Friede von Lunéville, Reichsdeputationshauptschluss, Säkularisation! Herzogtum Westfalen, was seit 1180 dem Kölner Erzbischof gehörte, kommt zu Hessen-Darmstadt; im Heimatbuch Schicksal des Joseph Gutermann im hessischen Militärdienst dargestellt (Vorfahre von Josef Gudermann); Auch der Paderborner Bischof verliert die Grundherrschaft in Bad Westernkotten.
Hessen und ab 1815 Preußen setzen die sog. Bauernbefreiung durch: bisherige Pächter werden Eigentümer, sowohl in LW als auch bei der Salzindustrie; in der Landwirtschaft: 18 bis 20fache der Jahrespacht als Ablösung, viele Bauern haben das aber nicht verkraftet, z. B. hatte der Domhof im 19. Jahrhundert laufend neue Besitzer, die immer wieder Pleite gingen.
Viele sind auch ins Ausland gegangen, u. a. nach Hungersnöten: Lied: Ein stolzes Schiff [S.284]
Ein Aspekt der Bauernbefreiung war auch die Freizügigkeit; jetzt konnten die nachgeborenen Bauern weggehen und ihr Glück versuchen, mussten nicht als Knechte oder Oime auf dem Land bleiben oder ggf. einheiraten; neue Arbeit im Ruhrgebiet: auch meine Vorfahren Marcus aus Bellersen bei Bad Driburg sind so nach Dortmund gekommen.
Verbesserungen auch durch neue Straßen (Freiherr von Vincke, Oberpräsident von Westfalen; Döneken aus Cappel, S.52), Kunstdünger (Justus von Liebig), Seidenraupen- und Bienenzucht (1849 erster Imkerverein in Westfalen und Rheinland in Westernkotten gegründet, Rentmeister Erdmann und Lehrer Feldhege); 1844 „Landw. Wochenblatt“ erstmals erschienen.
Weitere Verbesserungen: Preußen ließ alles exakt vermessen: Urkataster von 1829; Flurbereinigung: Rezess von 1888; Allmende-Teilung (Marken, Gemeinheiten, Woldemeien): Westernkötter Bruch 1854-1873; Bezug zu Karl Marx und Friedrich Engels!! [S.144]
1858 Zusammenlegung der drei Schützenvereine: seitdem bis 1964 Bauernkompanie, dann mit Handwerkern zusammen Junggesellenkompanie.
Gemeinsame Interessenvertretung durch: Vereinigung der deutschen Bauernvereine, dessen Ursprung der westfälische Bauernverein von 1862 war, von Freiherr von Schorlemer-Alst gegründet. Er hatte sich rasch vorwiegend in den katholischen Regionen und in den Gebieten mit klein- und mittelbäuerlicher Struktur ausgebreitet und ihm gehörte der landwirtschaftliche Ortsverein Westernkotten an.
Die Gründung des Vereins fiel in eine Zeit, die von einer ersten Industrialisierungsphase und rasanten Produktionszuwächsen gekennzeichnet war, die mit den Erkenntnissen von Justus von Liebig ihren Anfang nahmen und bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges anhalten sollten. Insgesamt nahm die landwirtschaftliche Produktion einschließlich Forstwirtschaft in der Zeit von 1873 bis 1913 um 90% zu.
Daran waren beteiligt: Getreide – Steigerung um 56 %, Sonstige pflanzliche Produkte – Zunahme um etwa 65%; Tierische Produkte – Zunahme um 140 %. Deswegen konnten Bauern um 1880 auch einigermaßen zufrieden singen: Im Märzen der Bauer [S. 11]
LW-Ortsverein
Damit sind wir im Jahre 1906 angekommen, dem Jahr der Gründung des Vereins. Über die Geschichte des Vereins habe ich schon einen Beitrag in den Heimatblättern veröffentlicht (gestern), weitere Aufsätze usw. finden sich in dieser Zusammenstellung, die ich gern Bernd überreichen möchte.
Gern bin ich auch bereit, im Rahmen meiner zeitlichen Möglichkeiten die Geschichte der Landwirtschaft und der Höfe weiter zu erforschen (Grundakten im Amtsgericht!); aber auch Chance für jeden Einzelnen bestehen (Familienforschung); hier bietet die Urliste aller Einwohner von 1864, die sich im Stadtarchiv Erwitte befindet, eine gute Basis.
Zum Abschluss nun das Pflaumenlied:
Ich wünsche allen Bauernfamilien nun wirtschaftlich und privat alles, alles Gute und dem Fest heute einen fröhlichen Verlauf! Gutt gohn!!!