Von Dr. Clemens Laumanns.
Transkription aus „Heimatblätter“, Nr. 7, 21. September 1929, 11. Jahrgang. Schreibweise und Zeichensetzung des Originals sind beibehalten; lediglich die Zeilenumbrüche und Worttrennungen wurden aufgelöst.
Um 1180 gründete der Priester Lambert le Beghe in Lüttich eine Vereinigung gottgeweihter Jungfrauen und Witwen, die nach klösterlicher Art lebten, ohne indes feierliche Gelübde abzulegen, und die nach ihrem Stifter Beghinen genannt wurden. Sie lebten in Keuschheit und Gehorsam gegen ihre Oberin und den Pfarrer, konnten aber jederzeit wieder aus der Vereinigung austreten und sich verehelichen. Sie beschäftigten sich außer ihren Gebetsübungen mit häuslichen Arbeiten, in Belgien, wo sie am verbreitetsten waren und auch heute noch bestehen, besonders mit Spitzenklöppelei und Tuchweben, auch widmeten sie sich dem Krankendienst und dem Jugendunterricht. Die Beghinen wohnten entweder gemeinsam in einem klosterähnlichen Gebäude oder aber — und das war meistens der Fall — allein oder zu zweien in kleinen Häusern um einen von einer Mauer umschlossenen Binnenhof, auf dem auch ihre Kirche lag. Solche Beghinenhöfe oder Beguinagen finden sich heute noch in Belgien, z. B. in Gent und Brügge. Die Beghinen breiteten sich gegen Ende des Mittelalters besonders in Belgien und Holland, aber auch in Deutschland, namentlich am Rhein aus, z. B. in Köln, Aachen und Wesel, in welch letzterer Stadt heute noch die Große und Kleine Beghinenstraße an die ehemaligen Beghinenhöfe erinnern. Aber auch in Westfalen lassen sich in vielen Städten Beghinen nachweisen, so in Paderborn, wo noch heute ihr Haus bei der Kapuzinerkirche sich erhalten hat, in Münster, wo nicht weniger als 8 selbständige Beghinenhöfe bestanden, in Soest, das 5 verschiedene Höfe zählte, in Geseke, das einen Beghinenhof bei der Hüster-Linde besaß, in Dortmund, Hamm, Minden, Höxter, Brilon, Coesfeld u. a.
Die Beghinenhäuser haben als eine Art Versorgungsheime für fromme Witwen und Jungfrauen, die keinen ausgesprochenen Klosterberuf besaßen, im Mittelalter vielfach eine recht segensreiche Wirksamkeit entfaltet. In kirchlichen Kreisen erhob sich allerdings schon frühzeitig gegen die Beghinen wegen der seltsamen Verbindung von Kloster- und Weltleben Mißtrauen, zumal da sich vereinzelt auch ein allzu freies, ungebundenes Wesen und häretische Ansichten bei ihnen eingeschlichen hatten. Die meisten Beghinenhäuser sind daher auch außer Belgien, wo sie heute, wie gesagt, noch in größerer Zahl bestehen, allmählich eingegangen oder in eigentliche Ordensgenossenschaften umgewandelt worden.
Daß es auch in Lippstadt im Mittelalter Beghinen gegeben hat, steht urkundlich fest, wenn uns auch nur wenig über sie überliefert ist. So bescheinigen in einer Urkunde des Lippstädter Stiftsarchivs vom 29. Februar 1316 (Lipp. Reg. Nr. 620) die Ratsherren der Stadt Lippstadt, daß der Bürger Helwich gen. von Ensieke eine Rente von 4 Schilling-Pfenningen aus seinem Wohnhause den Schwestern Elisabeth und Gertrud gen. Hartwiginc, Bagginis, verkauft habe. In einer weiteren Urkunde vom 21. Januar 1328 (Lipp. Reg. Nr. 713) bezeugen die Lippstädter Bürgermeister Andreas Hoppe und Ludwig von Bochem nebst 9 Ratsherren, daß der Prior Everhard des Augustinereremitenklosters vor ihnen erschienen sei und anerkannt habe, daß von seinem Kloster zwei unbebaute Gärten an der Lippe bei der Borlinchuser Mühle (B. war an der Weihe nach Bökenförde zu gelegen) nebst einem Stück pflügbaren Landes denselben Beghinen Elisabeth und Gertrud Hartwiginc zu lebenslänglichem Nießbrauche verkauft seien gegen eine jährliche an den Freiherrn zur Lippe zu entrichtende Abgabe von zwei Scheffel Weizen und 5 Denaren. Wo der Hof der Lippstädter Beghinen gelegen, läßt sich wohl nicht mehr mit Sicherheit nachweisen.
Vielleicht ist die Tatsache, daß in Lippstadt schon Beghinen vorhanden waren, für den Böddeker Prior Arnd Hüls im Jahre 1435 mitbestimmend gewesen, gerade in unserer Stadt das erste Haus der den Beghinen verwandten „Schwestern vom gemeinsamen Leben“ zu errichten, das dann 18 Jahre später in das für die kathol. Gemeinde Lippstadt später so wichtige Augustinerinnenkloster St. Annen Rosengarten umgewandelt wurde. Es wäre indes falsch anzunehmen, daß das Süsterhaus St. Annen Rosengarten vor seiner Umwandlung in ein eigentliches Augustinerinnenkloster ein Beghinenhof gewesen wäre, wie aus der von mir in der Westfäl. Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Bd. 81 dargestellten Geschichte dieses Klosters klar hervorgeht. Es spricht aber für die große Volkstümlichkeit der Beghinen in Westfalen und speziell auch in Lippstadt, daß St. Annen Rosengarten noch volle hundert Jahre nach seiner Gründung, zuletzt in einer auf dem Lippstädter Rathause aufgenommenen Verhandlung vom 12. November 1548, selbst von Behörden gelegentlich noch als Beghinenhaus bezeichnet wurde.