Von Wolfgang Marcus (Bad Westernkotten
Im Rahmen meiner Recherchen zu den Lippstädter Landwehren kam ich natürlich auch auf die Stirper Warte, die ja ein Teil der Lippstädter Landwehr war. Nach Gesprächen mit dem heutigen Eigentümer, Thomas Linhoff, wurde mir schnell deutlich, dass es einen Zusammenhang zwischen den Gründern der Westfälischen Union in Lippstadt und der Familie Linhoff auf der Gut Stirper Warthe geben könnte. Hier das Ergebnis meiner Recherchen.
- Die Westfälische Union
Die „Westfälische Union“ war ein bedeutender Zusammenschluss mehrerer Eisen- und Drahtunternehmen in Westfalen. Formal wurde sie 1873 als Aktiengesellschaft „Westfälische Union, Aktien-Gesellschaft für Bergbau, Eisen- und Drahtindustrie“ gegründet. In dieser Vereinigung wurden mehrere Werke zusammengeführt, darunter das Werk der Firma „A. & Th. Linhoff“ aus Lippstadt.[1]
Anton & Theodor Linhoff war ein eigenständiges Eisen- und Drahtwerk, das bereits vor 1860 existierte. Die Ursprünge gehen auf Mathias Linhoff aus Arnsberg zurück, der 1832 ein Hüttenwerk in Berich pachtete und mit verschiedenen Partnern in der Eisenverarbeitung tätig war.

Abb. 1: Mathias Linhoff (31.5.1779 – 14.4.1861) [Dieses Foto und die Folgenden aus dem Buch von Olmesdahl[2]]
Anton und Theodor Linhoff, Söhne bzw. Angehörige von Mathias, führten diese Aktivitäten fort und vereinigten ihre Werke am 1. Juli 1860 offiziell unter der Firma „A. & Th. Linhoff“ in Lippstadt. Das Unternehmen produzierte Eisendraht in einer größeren Anlage mit mehreren Puddelöfen und Walzwerken. Diese Firma war ein wichtiger industrieller Akteur in Lippstadt und damit einer der „Gründungsbetriebe“ der späteren Westfälischen Union. Die Linhoffs gelten daher als eine der Gründerfamilien der Union, da ihr Unternehmen 1873 in die neu gebildete Westfälische Union AG eingebracht wurde. Die Gründungsidee: Zusammenschluss mehrerer Einzelunternehmen des Eisen- und Drahtgewerbes zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Beteiligte Gründungsunternehmen: Cosack & Co.in Hamm, Eduard Schmidt in Nachrodt, A. & Th. Linhoff in Lippstadt (mit Zweigbetrieben, z. B. in Belecke) und später weitere Werke. Der Betrieb in Lippstadt war ein zentraler Bestandteil dieser Vereinigung und trug zum industriellen Aufstieg der Stadt bei.
Zu Familie Cosack sei noch Folgendes gesagt: Schon vor dem Verkauf seines Werkes an die Westfälische Union kam Joseph Cosack in die Nähe von Lippstadt. Er suchte nach einer Alternative für das Alter und erwarb 1871 das Gut Mentzelsfelde mit etwa 2000 Morgen Wiesen und Ackerland, das er zu einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Unternehmen auszubauen begann. – „Mit rund 167 Hektar war der aus Arnsberg stammende Fabrikant Josef Cosack der größte Grundbesitzer in der Boker Heide: Cosack hatte im Jahre 1871 das Gut Mentzelsfelde für 70.000 Taler gekauft, nachdem der sumpfige Boden und das Auftreten von Pferdekrankheiten die Bewirtschaftung des Remontedepots für den Staat zunehmend unrentabel gemacht hatten. Cosack führte die Pferdezucht zunächst weiter, ging dann aber mehr und mehr dazu über, weitere Flächen zu roden, Gräben zur Entwässerung anzulegen und einen Teil des Gebiets mit Wasser aus dem Boker Kanal zu berieseln.“ (zitiert nach: Gudermann, Boker Heide S. 71)

Abb. 2: Das Bild zeigt das Gutshaus Mentzelsfelde nach dem Jahre 1885.

Abb. 3: Anton Linhoff (2.11.1808 – 21.7.1877)

Abb. 4: Theodor Linhoff (12.5.1821 – 1.12.1889)

Abb. 5: Zur Zeit der Übernahme des Linhoffschen Werks hat das Gelände der Fabrik in Lippstadt etwa so ausgesehen, wie diese stilisierte Darstellung es zeigt. Der Blick geht von Südwesten auf das Fabrikgelände. Im Norden befindet sich die Eisenbahnlinie. Die Unionstraße (bzw. damals noch Oststraße) ist nicht zu sehen, dafür aber im Vordergrund die Straße im Süden des Fabrikgeländes. Die große Zahl von Schornsteinen weist auf viele Feuerstellen und damit Dampfmaschinen zur Energiegewinnung hin.
Abschießend noch einige Sätze, wie Wolfgang Maron[3] diese Entwicklung mit der Wahl eines Standortes in der Nähe der Eisenbahn verbindet: „…Den ersten Versuch, die Standortvorteile der Eisenbahn zur Gründung eines Industriebetriebes zu nutzen, unternahmen 1856 der Rentier Hermann von Drenkhahn und der Kaufmann Eduard Böhmer. In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs errichteten sie in diesem Jahr eine Maschinenfabrik. Nur zwei Jahre später ging das Unternehmen, das vornehmlich landwirtschaftliche Maschinen und Brückenwaagen herstellen sollte, jedoch in Konkurs und lag bis 1860 still. Welche Gründe zu seinem Scheitern führten, bleibt unklar. Seine Bedeutung lag ohnehin mehr darin, dass es zum Vorläufer eines größeren Unternehmens wurde, denn im Jahr 1860 erwarben die Unternehmer Anton und Theodor Linhoff die stillgelegte Fabrik und wandelten sie in ein Puddel- und Walzwerk um. Diese Gründung war im Unterschied zu ihrem Vorgänger erfolgreich und blieb bis zum ersten Weltkrieg der größte Industriebetrieb in Lippstadt. – Noch deutlicher als bei der landwirtschaftlichen Maschinenfabrik kommt bei der Entstehung des Linhoffschen Werkes der Zusammenhang mit der Eisenbahn zum Ausdruck, denn es handelt es sich bei ihm nicht um eine völlige Neugründung, sondern um die Verlegung einer bereits bestehenden Produktionsstätte an einem verkehrsgünstigeren Ort. Sein ursprünglicher Standort war Belecke gewesen; die dort aus dem 1830 konzessionierten Ferdinands-Hammer hervorgegangen Werke der Familie Linhoff, ein Puddelwerk sowie ein Walzwerk und eine Drahtzieherei, waren Teil des frühindustriellen Zentrums der Eisenindustrie im Raum Warstein. Wie in allen übrigen Zentren der früheren Eisenindustrie hatten die natürlichen Standortfaktoren Wasserkraft, Erzvorkommen und Holzreichtum die Anfänge einer industriellen Entwicklung in diesem Raum begünstigt. – Durch den Übergang zum Puddelverfahren bei der Stahlerzeugung verschlechterte sich jedoch die Konkurrenzfähigkeit der hier gelegenen Werke, da der notwendige Bezug von Steinkohlen die ohnehin bestehenden Transportprobleme verschärfte. Gegenüber den Unternehmen im Ruhrgebiet gerieten sie daher in einen beträchtlichen Standortnachteil. Eine Reihe von Unternehmern reagierte darauf, indem sie zumindest Teile ihrer Produktion in die Nähe der Eisenbahn verlegten. Auch die Ansiedlung des Linhoffschen Pudel- und Walzwerkes in Lippstadt stand in diesem Zusammenhang und bildete keinen Einzelfall, sondern besaß mit der Abwanderung der Drahtfabrik Cosack von Arnsberg nach Hamm im Jahre 1854 oder die ebenfalls 1860 erfolgten Gründung eines Puddel- und Walzwerkes der Warsteiner Firma Gabriel und Bergenthal am Soester Bahnhof offensichtliche Parallelen…“
- Die Gründerfamilie Linhoff und das Gut Stirper Warthe
Ein Teil des durch die Einbringung des Werkes in die „Westfälische Union“ erzielten Erlöses wurde von Theodor Linhoff angelegt, indem er 1885 das Gut Stirper Warte gründete, das sich noch heute in Familienbesitz befindet.[4]

Abb. 6: Gut Stirper Warthe um 1960 [zur Verfügung gestellt von Thomas Linhoff]
- Villa Linhoff
Die Villa Linhoff (1905 erbaut) steht als architektonisches Zeugnis der wohlhabenden Unternehmerfamilie, die durch ihre industrielle Tätigkeit – u. a. durch Beteiligung an der Westfälischen Union – zu einer der einflussreichsten Familien in Lippstadt wurde.[5]

Abb. 7: Die ganze Welt zuhause in der Villa Linhoff – Eine Zeitzeugin der industriellen Ära in Lippstadt
Und auf der Homepage „Lippstadt erleben“ ist zu lesen: Seit 1860 befand sich Lippstadt in einer Entwicklung zum industriellen Zentrum. 1905 ließ Ernst Linhoff, Mitbegründer der Westfälischen Union, eine prachtvolle Gründerzeitvilla errichten. Das Gebäude, ein Ausdruck des Wohlstands der Familie, diente dabei lange Zeit als privater Wohnsitz in der Altstadt. Mit der Gründung der „Westfälischen Union“ festigte die Familie Linhoff ihre gute Stellung auf Jahre später noch als eine der einflussreichsten in Lippstadt. – Die Villa Linhoff ist ein Paradebeispiel für die internationale Architektur des späten 19. Jahrhunderts. Elemente des Neubarock verschmelzen harmonisch mit den zahlreichen ersten Anklängen des Jugendstils. Die aufwändige Innenausstattung mit historischen Bleiverglasungen, Ornamentfliesen und Lincrusta-Tapeten zeugt von dem luxuriösen Lebensstil, den die Gründer der damaligen Zeit nicht verbergen. – Nach verschiedenen Nutzungen in den 1980er Jahren, unter anderem als Stadtbibliothek und Volkshochschule, wurde die Villa Linhoff 2006 aufwändig restauriert. In ihrer heutigen Umsetzung lädt sie Besucher ein, in die Vergangenheit einzutauchen und die Geschichte der Familie Linhoff und der Industrialisierung Lippstadts hautnah zu erleben. – Entdeckt die Villa Linhoff und lasst euch von der Eleganz und Geschichte dieses besonderen Gebäudes verzaubern. Genießt eine Erfahrung in der Welt der Lippstädter Industriellen.
[1] Wikipedia, Zugriff: 10.02.2026
[2] Olmesdahl, Dieter: Die Westfälische Union in Lippstadt, Leimeier-Verlag Lippstadt, Band 24 (D. Olmesdahl / Dr. W. Leimeier) ISBN 978-3-949718-23-6; vgl. auch: „Phoenix Actien-Gesellschaft für Bergbau- und Hüttenbetrieb 1852–1912. Denkschrift zum 60-jährigen Bestehen“, Hoerde 1912 – enthält Originalinformationen zur frühen Unternehmensgeschichte und zur *Westfälischen Union“.
[3] Maron, Wolfgang: Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Lippstadt 1815-1914, Lippstadt 1988, S. 69/70
[4] Zitiert nach Olmesdahl, aaO. S. 20
[5] Lippstadt erleben https://www.lippstadt-erleben.de/de/neusta-pois/villa-linhof?utm_source=chatgpt.com%20%22Villa%20Linhof