2026: Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wohnten Ärzte in Westernkotten

Von Wolfgang Marcus

Zu den Ärzten in (Bad) Westernkotten sind bisher die folgenden Aufsätze erschienen:

  • Dietz, Ulrike: Kurort-Magnet mit Ärztehaus – Geschäftsführer des Thermalbads in Bad Westernkotten blickt in die Zukunft, Interview Geschäftsführer über Zukunft der Hellweg-Sole-Thermen; Erstabdruck: Patriot, 23.08.2024
  • Marcus, Wolfgang: „Zähne fallen meist zur Zufriedenheit der Zahnärzte aus“ – Zahnärzte in Bad Westernkotten; in: Jahrbuch (JB) 2018
  • Marcus, Wolfgang: Die badeärztliche Versorgung – Überblick in chronologischer Reihenfolge, in: JB 2025, S. 59ff.
  • Mönnig, Ferdinand: Gewerbebetriebe in Bad Westernkotten, in: Bad Westernkotten. Altes Sälzerdorf am Hellweg, Lippstadt 1987, hier S. 398

Im Folgenden soll es um die Ärzte gehen, die schon vor der Eröffnung der Solbad GmbH, also vor 1950, in Westernkotten tätig oder zumindest ansässig waren. Ich stelle sie in chronologischer Reihenfolge vor.

  1. 1685: Ein Arzt, genannt im Kopfschatzregister

Im Kopfschatzregister von 1685, abgedruckt im Heimatbuch von 1987 [S.112ff] wird ein Johan Sivers ein Becker genannt. Neben seiner Frau wird ein Ackerjunge, welchem dass Pferdt vor Weiningtag salvo venia den Fuss kurz geschlagen, liegt jämmerlich for den arzte als weitere Hausbewohner aufgezählt. Da unter den Hausbesitzern in der gesamten Liste kein Arzt aufgeführt ist, ist anzunehmen, dass der genannte Arzt in Erwitte oder Lippstadt wohnte.

  1. 1822: Dr. Ley

Im Buch von Maria Peters über Brandschadensfälle im 19. Jahrhundert [abgedruckt auch im Jahrbuch 2012] sind u.a. folgende Brände erwähnt: 1813: Diekmann, Aspenstraße; 35 Taler Entschädigung. 1822: Sprenger, Halsband, Bickmann, Nonte, Dr. Ley; Großbrand in der Aspenstraße 10-16, bei dem fünf Häuser abbrannten.

  1. 1829-1835: Dr. Ferdinand Diekmann

Für Westernkotten gibt es einen historisch belegten „Doktor Diekmann“ – allerdings keinen modernen Arzt, sondern eine Person aus dem 19. Jahrhundert. Er war Amtsarzt in Westernkotten. Erwähnt wird er in Archivalien aus dem Jahr 1835. Dies geht aus entsprechenden Akten hervor [Bestellsignatur Q 001 / Oberlandesgericht / Appellationsgericht Arnsberg, Nr. II 50]. Das spricht dafür, dass er eine offizielle medizinische Funktion im Ort hatte – also vermutlich für öffentliche Gesundheitsangelegenheiten (vergleichbar mit einem Kreis- oder Amtsarzt heute).

Erstmals kommt Dr. Diekmann im Buch des Heimatverein von 1958 in der Darstellung des Schützenvereins vor …Jede Kompanie feiert ihr eigenes Fest: Die Männer feierten in dem jetzt Licht’schen Haus, dessen Besitzer, ein Dr. Dickmann, war Arzt, Apotheker und Bierbrauer. Die Handwerker feierten das Fest am ersten Sonntag nach Lobetag in der Wirtschaft Besting, die Landwirte am zweiten Sonntag nach Lobetag in der Wirtschaft Kemper…

Dann taucht Dr. Diekmann in meinen Unterlagen bei der (Neu-)Gründung des Schützenvereins im Jahre 1828 auf. Hier heißt es abschließend: Vorgelesen und von sämmtlichen Mitgliedern des Schützenvereins genehmigt und unterschrieben. Geschehen Westernkotten den 5. September 1828: Potthoff, Franz Erdmann, Brune, Löper, Anton Dierks, Hollenbeck, Dickmann, Hoffbauer, Brinkmann, Kirchhoff, Pielsticker.

Dr. Diekmann (hier Dickmann geschrieben) gehörte also zu den Vorstandsmitgliedern des Schützenvereins, was auf seine führende Stellung im Ort hinweist. Das deutet darauf hin, dass die Familie Diekmann im Ort sozial etabliert war und Besitz und Einfluss hatte. Alles in allem lässt sich sicherlich sagen, dass die Offiziere zum einen aus der Gruppe der preußischen Beamten in Westernkotten (Salzsteueramt!) kamen, zum anderen weithin aus dem Kreis der wohlhabenderen Bürger, u.a. Landwirte des Ortes, stammten.

Im Urkataster aus dem Jahre 1829 taucht Herr Dr. Diekmann ebenfalls auf. Hier ein Ausschnitt aus der Urkatasterkarte:

Daraus wird deutlich, dass das Diekmann’sche Haus an der Aspenstraße lag (Eintragung: Dr. Ferdinand Dieckmann) und damals die Hausnummer 30 hatte. Es war anscheinend ein sehr großes Haus mit viel Gartenfläche im rückwärtigen Bereich.

Im Jahr 1835 starb Dr. Diekmann, wie aus dem Sterberegister der Laurentius-Pfarrei Erwitte hervorgeht.

Hier ist zu lesen, dass sein Wohnhaus die Nummer 30 und den Hausnamen „Vernholz“ hatte, dass er Doctor der Medizin und Wittwer von Wilhelmine Vernholz war, im Alter von 64 Jahren starb und geboren zu Großhandorf, Kirchspiel Östinghausen (wohl Gemeinde Lippetal oder Bad Sassendorf).

Bei seinem Tod hatte er sechs minnorene (also minderjährige) Kinder. Er verstarb am 30. Juli 1835 um 5 Uhr. Als Todesursache wird Brustsucht (? wohl Lungentuberkulose) angegeben. Die Beerdigung fand am 2. August 1835 statt.

Im Aufsatz über die Geschichte des Schützenvereins heißt es: 1837: Schützenfest wieder im Diekmann’schen Hause. Das Protokollbuch nennt hier einige Details: Schützenfest wird vom 27.-29. August gefeiert, Festhaus ist die Wohnung der Erben Diekmann (Aspenstraße 16). Das Bier wird von der Gesellschaft selber beschafft, der Wein und „sonstige Bedürfnisse“ wird von einem hiesigen Gastwirt oder von Familie Diekmann gegen Mietzinsverzicht bezogen. Der Rechnungsführer bekommt 2 Prozent der Einnahmen für seine Bemühungen.

Im Wochenblatt vom 14.11.1840 ist vom Verkauf des Hauses Diekmann die Rede: Am Donnerstag, den 21. November, vormittags 10 Uhr, soll das an der neuen Kunststraße, eine halbe Meile von Lippstadt im Dorfe Westernkotten gelegene, vormals Dr. Dieckmann‘ sche Wohnhaus, nebst dem dazugehörigen Garten, zur ungefähren Größe von einem Morgen, im Wege des öffentlichen meist Gebotes zum Verkaufe ausgesetzt werden. – Das Wohnhaus ist in neuerer Zeit gebaut, von vorzüglich starkem Holze und im besonders guten baulichen Zustand. Dasselbe hat außerdem unmittelbar daran gebaute Stallungen und Remisen, ungewöhnlich schöne und sehr große gewölbte Keller, sehr große Bodenräume, und außer einem Saale und der Küche 11 geräumige hoch gebaute Zimmer. Es befindet sich ferner in dem Hause eine Pumpe und auf dem Hofe ein Brunnen, sowie auch unmittelbar bei demselben ein beständig wasserreicher Bach vorbeifliest. Diese Immobilien werden sich demnach bei ihrer großen Ausdehnung zu jedem Geschäft, insbesondere aber wegen der darin noch befindlichen, oben nicht erwähnten großen Räume, zu einem Brennerei- oder Destillationsgeschäft vorzüglich eignen. Zwei Drittel des Kaufpreises können als ein verzinsliches Kapital stehen bleiben. – Der Verkaufstermin wird in dem zu verkaufenden Hause selbst abgehalten, und können die näheren Bedingungen auch vorher bei dem Unterzeichneten eingesehen werden. – Erwitte, den 20. Oktober 1840. Der Justizkommissar und Notar Köppelmann.

Wer das Haus damals erworben hat, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich aber die Kirchengemeinde bzw. wie politische Gemeinde, wie aus dem folgenden Foto einer alten Ansichtskarte hervorgeht:

[1945 wohnte dort, in der Aspenstraße 16, Robert Licht. In meiner Jugend wurde es auch teilweise noch das Licht ’sche Haus genannt.  Im Adressbuch 1951 werden als Bewohner genannt: Sauer Bernhard, Gärtner; Knüppel Ilse, Hausfrau; Menzel Kurt, Ingenieur; Spieker Maria, Lehrerin; Angrinck Hermann, Maschinenschlosser; Angrinck Bernhard, Uhrmacher; Friebe Helene, Witwe, und Passek Elisabeth, Witwe. Das Haus beherbergte später u.a. das Milchgeschäft Mehlich, an das ich mich noch gut erinnern kann. Später wurde es abgerissen. Dort befinden sich heute im rückwärtigen Bereich Mehrfamilienhäuser. WM]

Im ältesten Einwohnerverzeichnis von Westernkotten aus dem Jahre 1864 kommt die Familie Diekmann nicht mehr vor. Die Nachkommen von Dr. Ferdinand Diekmann hatten ja Haus und Grundstück meistbietend verkauft. Im Haus Nummer 30 (heute Aspenstraße 16) wird Lehrer Urban Ferber erwähnt.

  1. 1845: Auch ein Tierarzt in Westernkotten

Im Gemeinderatsprotokoll vom 13. Mai 1845 heißt es: Auf eingegangene Beschwerde über die Untüchtigkeit der Ziel Ochsen des Anton Jesse hat der Gemeinde Vorsteher die Untersuchung eingeleitet und die Beschwerde begründet gefunden, darauf auf Grund des mit Anton Jesse am 21. Mai 1843 über die Gestellung der Ziehochsen abgeschlossenen Kontrakt den Jesse zur Gestellung taugliche Ziel Ochsen aufgefordert, welcher Anforderung der Jesse zurzeit noch nicht genügt. Der Tier Arzt Fenning ist darauf zur Begutachtung aufgefordert und hat derselbe den hier aufgestellten Ziehochsen untauglich erklärt; dahingegen zwei andere Ochsen, welche Jesse auf dem Hofe stehen habe tauglich erklärt, wenn dieselben angemessen gefüttert werden. Es sei indes unzweifelhaft, dass zwei Ochsen für 400 Kühe zu wenig und dass statt deren wenigstens vier gehalten werden müssen. Es wurde zur Beschlussnahme anheimgegeben, inwiefern gegen Anton Jesse auf Erfüllung des Kontrakts zu halten und ob die Ziehochsen nach Ansicht das Tierarztes Fenning vermehrt werden sollen.

  • 1858: Ein Arzt erhält Kosten für eine Kur

Im Protokoll vom 20. November 1858 heißt es: Der Ehefrau Franz Mintert von hier, welche an einem bösen Hautausschlag im Gesichte leidet, soll zum Zwecke ihrer Heilung seitens der Gemeinde ein Beitrag zu den desfallsigen Curkosten von 25 Thlr. bewilligt werden. Das Geld soll jedoch an den betreffenden Arzt nach beendigter Cur gezahlt werden.

  • 1876: Zwei Ärzte in Erwitte Mitglied einer Sanitätskommission

In den Gemeinderatsprotokollen von Westernkotten heißt es 9. Juni 1876: Es soll in Gemäßheit der Vorschriften der Allerhöchsten Verordnung vom 8. 8. 1875 für die Gemeinde Westernkotten eine Sanitätskommission errichtet werden. Zusammensetzung: Der derzeitige Gemeindevorsteher Jesse, der zugleich den Vorsitz führt, sowie die beiden Ärzte Dr. Bredenoll und Dr. Marx zu Erwitte, und drei gewählte Einwohner Westernkottens: Wilhelm Fischer, Rentmeister Flörken, Rudolf Löper. [zitiert nach dem Heimatbuch, S. 176]

  • Eigene (Bade-)Ärzte erst ab 1950

Mit der Gründung der Solbad Westernkotten GmbH siedelten sich auch nach und nach Ärzte an, auf die an anderer Stelle eingegangen wird. Leider gibt es ja seit einigen Jahren keinen Hausarzt mehr im staatlich anerkannten Heilbad Westernkotten. Aber immerhin ist der Weg nach Lippstadt und Erwitte ja nicht allzu weit.