2015: Rundgang durch die Pfarrkirche Sankt Johannes Evangelist Bad Westernkotten

Überarbeitete Fassung eines kleinen Kirchenführers, den ich 1998 mit den Firmbewerbern Volker Gäbler, Jan Marcus, Lech-Sebastian Nehring und Andreas Wieners gestaltet habe.

Von Wolfgang Marcus

Liebe Besucherinnen und Besucher unseres Gotteshauses! Wir freuen uns, Sie in der Pfarrkirche Sankt Johannes/Evangelist Bad Westernkotten begrüßen zu dürfen. Unser kleiner Kirchenführer will Ihnen helfen, die Zusammenhänge zu erkennen und die Sehenswürdigkeiten zu erschließen. Die Nummern im nachfolgenden Text beziehen sich auf die Grundrisszeichnung.

Marienlied: Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus; lass uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm vorüber gehn. Patronin voller Güte, uns allezeit behüte.

    Der Kirchturm

    Der Kirchturm von außen

    Eindrucksvoll empfängt uns auf dem Kirchplatz der 26 Meter hohe Turm der alten Dorfkirche. Die ehemalige Kirche in Westernkotten, eine Renaissancekirche mit Übergang zum Barock, erbaut zwischen 1508 und 1532,  wurde 1976 abgerissen und mußte der neuen Kirche weichen. Einzig der Turm ist stehengeblieben. Am 3. August 1691 brach in Westernkotten ein großer Brand aus, mehr als 100 Häuser und Salzhütten fielen den Flammen zum Opfer. Wahrscheinlich ist damals auch die erste Westernkötter Kirche bis auf die Grundmauern abgebrannt; denn nach den als Zahlen ausgebildeten Ankern an der Westseite des Kirchturms – oberhalb des Barockportals – ist dieser im Jahre 1699 (neu) errichtet. Das barocke Turmportal ist rundbogig mit Pfeilereinfassung. Es ist im Jahre 1913 genau nach dem alten Vorbild erneuert worden.

    Die Inschrift lautet: „In honoreM DIVI IoannIs eVangeLIstae patronI VVesterkottenses pIe eXtrVI feCerVnt = Zu Ehren den heiligen Evangelisten Johannes, des Kirchenpatrons, haben die Westernkötter diese Kirche in Demut errichtet.“ Das Chronogramm (Summe der als lateinische Zahlen ausgewiesenen Großbuchstaben) weist ebenfalls auf das Baujahr 1699 hin. Über dem Portal steht in einer Figurennische in einer Muschel das in Sandstein gehauene Bild des Kirchenpatrons, des Evangelisten Johannes, in wallendem Gewand mit einem Kelch in den Händen. Der Schlußstein des eigentlichen Portals zeigt einen Engelskopf, darunter ein Wappen. Ursprünglich als Wolfsangel gedeutet ist man sich heute sicher, daß es sich um einen Sälzer- oder Pfannenhaken handelt, einen Haken, mit dem einst die Salzpfannen über dem offenen Feuer aufgehängt waren. Dieser Pfannenhaken wurde auch im Salinensiegel geführt. Da die Sälzer die großen Gönner der Kirche waren, ist es nachvollziehbar, daß ihr Wappen in das Portal der Kirche eingearbeitet wurde.

    Der Pfannenhaken war seit 1936 auch Wappen der Gemeinde und ist seit der kommunalen Neuordnung Teil des Wappens der Stadt Erwitte. In der Genehmigungsurkunde ist das Wappen wie folgt beschrieben: „Das Wappen zeigt in Rot ein goldenes, hausmarkenähnliches Zeichen in der Form eines schwebenden Schräglinksbalkens, der in der Mitte mit einem kurzen Querbalken belegt ist und dessen Enden (oben nach links, unten nach rechts) im spitzen Winkel umgebogen sind.“

    Auf der anderen Seite des Turmes, der Ostseite, sieht man den zugemauerten Bogen, der von der Orgelempore aus das Kirchenschiff umfaßte. Diese alte Kirche reichte mit ihrem Chorraum bis an das heutige Pfarrhaus, das den Ostrand des Kirchengeländes markiert.

    Der Turm ist auch Glockenturm der Kirche. Die drei Glocken sowie einen eisernen Glockenstuhl lieferte 1920 zu Mariä Himmelfahrt der Bochumer Verein. Die erste Glocke ist Christus, die zweite der Muttergottes und die dritte dem Kirchenpatron geweiht. Der gesamte Kirchturm, der als Baudenkmal ausgewiesen ist, wurde 1997 renoviert.

    Das Innere des Kirchturms

    Den Kirchturm gestaltete die Pfarrgemeinde 1979 zu einer Mutter-Gottes-Kapelle um (renoviert 1998). Im Innern steht eine wertvolle Pietá aus dem frühen 17. Jahrhundert. Die Fenster im Turm, von dem Essener Künstler Nikolaus Bette gestaltet, zeigen: Mariä Verkündigung, Mariä Heimsuchung, die Geburt Jesu und die Verehrung Jesu und seiner Mutter durch die Heiligen Drei Könige. Links eine Gedenktafel des Heimkehrerverbandes, 1998 hier angebracht.

    Die heutige Pfarrkirche

    Die neue katholische Pfarrkirche Sankt Johannes/Evangelist entstand in den Jahren 1974-76 nach Entwürfen des Warsteiner Architekten Heinrich Stiegemann. Es ist eine dreischiffige Hallenkirche mit einer rechtwinklig angebrachten Seitenkapelle, aus Stahlbeton erbaut und mit Anröchter Dolomitbossen (Grünsandstein) verkleidet. Die Bausumme der Kirche betrug 1,4 Mio. DM. Viele Altäre und Einrichtungsgegenstände der alten Kirche sind im Inneren der neuen Kirche untergebracht.

    Der Hochaltar

    Eindrucksvoll der neugotische Hochaltar (1), der 1884 von Wiedenbrücker Meistern geschnitzt wurde und seit seiner Renovierung 1976 als Sakramentsaltar dient. Er war, als er noch in der alten Kirche stand, mit Goldbronze überstrichen, so daß von den Bildtafeln nicht viel zu sehen war. Heute erkennt man sofort auf den Tafeln die Geburt Christi, die Kreuzigung Jesu und seine Auferstehung, da sich durch das Abbeizen der Goldbronze der eigentliche Aufbau in Natureiche darstellt und die Tafeln und Figuren mit Farbe geschmackvoll sichtbar gemacht wurden. Der Tabernakel, eine Arbeit der Brüder Winkelmann, Möhnesee-Günne, ist ein Kontrast zu den Farben der Bildtafeln und soll zunächst den Blick der Besucher anziehen.

    Der Zelebrationsaltar

    Der heutige Hochaltar (2) ist quadratisch und von den Künstlern Michael und Christof Winkelmann aus rotem Sandstein gehauen. Er zeigt vier Themen aus dem Leben des Kirchenpatrons Johannes: vorn links Jesus, Hand in Hand mit seinem Lieblingsjünger Johannes, vorn rechts Johannes sitzend mit Adler und Buch, hinten rechts Johannes mit einem Becher mit einer Giftmischung (zu erkennen an der Schlange) in der linken Hand; hinten links Johannes in einem Kessel, eine Darstellung, die an die Legende anknüpft, daß Johannes in Rom vor der Lateinischen Pforte zum Tode verurteilt in einen Kessel mit siedendem Öl geworfen worden sei, dies jedoch unversehrt überstanden zu haben.

    An diesem Altar wird alltags die hl. Messe zur Seitenkapelle hin gefeiert, sonst zum Hauptschiff.

      Die Orgel

    Vom Altarraum hat man einen herrlichen Blick auf die große Orgel (3) gegenüber auf der Orgelbühne. Die Orgel, von der Rietberger Firma Speith, Inhaber Müller, gebaut und am 11. Februar 1996 feierlich eingeweiht, verfügt über 22 klingende Register, die auf drei selbständige Werke verteilt sind, auf Haupt-, Schwell- und Pedalwerk. Das klangliche Konzept, die Disposition, ergab sich durch die Übernahme neun alter Register aus dem Vorgängerinstrument. Durch Register wie z.B. Gamba, Cello, Salicional und Vox Coelestis sowie Harmonie- und Traversflöte wird eine romantische Einfärbung erreicht.

    Das Taufbecken

    Das Taufbecken (4) stammt aus einem Allagener Marmorwerk und wurde am 22. April 1894 erstmalig benutzt.

    Das Kreuzigungsfenster

    Alle Fenster in der Kirche sind von dem Glas- und Kunstmaler Nikolaus Bette aus Essen-Werden entworfen. Alle gegenständlichen Darstellungen in den Fenstern stehen in Beziehung zum Evangelisten Johannes bzw. zur Lobetagstradition des Ortes. Das erste Fenster (5) stellt die Kreuzigungsszene nach dem Johannes-Evangelium dar, wie Jesus seiner Mutter Johannes als Sohn übergibt (Joh 19,25-27).

    Der Johannes-Altar

    Der Johannesaltar (6) im ersten Joch, 1898 aufgestellt, zeigt den Evangelisten Johannes auf der Insel Patmos, auf einem Stein sitzend, mit geöffnetem Buch und Federkiel. Im Buch ist Vers 4 aus dem 1. Johannes-Brief in lateinischer Sprache zu lesen. Die Übersetzung lautet:

    „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott.“ Über Johannes ein Adler, der sich über die Erde erhebt und dem Lichte zustrebt. Im Schnabel ein wehendes Spruchband ebenfalls mit lateinischer Inschrift, dem Eröffnungsvers des Johannes-Evangeliums:“Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“

    Das Abendmahlsfenster

    Das nächste Fenster (7) zeigt das letzte Abendmahl mit Johannes, dem Lieblingsjünger, an der Brust Jesu (Joh 13,23).

    Elisabeth-Altar und Statue des heiligen Josef

    Der Altar (8) im zweiten Joch stammt aus dem Elisabeth-Heim an der Aspenstraße, in dem von 1921 bis 1962 Schwestern der armen Dienstmägde Jesu Christi aus Dernbach gewohnt haben. Der Altar ist Anfang der 1930er Jahre in der Werkstatt der Bad Westernkötter Firma Schütte entstanden und konnte am 14.1.2001 nach Restaurierung durch den Anröchter Restaurator Josef Hoppe hier aufgestellt werden. Rechts eine Figur der Heiligen Elisabeth, links des Heiligen Franz von Assisi, aufgestellt im Sommer 2001.

    Der apokalyptische Reiter

    Im nächsten Fenster (9) ist ein Motiv aus der Geheimen Offenbarung des Johannes (Offb 6,1-8) gewählt: ein apokalyptischer Reiter soll an die schrecklichen Ereignisse des 30jährigen Krieges, seit dem der Lobetag (siehe weiter unten) gefeiert wird, aber auch an andere Kriege und Bedrohungen erinnern und zu Umkehr und Wachsamkeit mahnen.

    Die Beichtstühle

    Die Beichtstühle (10 und 10a) stammen ebenfalls aus der alten Kirche und entstanden 1899.

    Historische Steintafeln

    Gegenüber in der Nische am rechten Haupteingang befinden sich zwei wertvolle Steintafeln (11), die von der Entstehung Westernkottens berichten. Der noch lesbare Stein ist eine im Jahre 1900 erneuerte Abschrift des älteren, im Jahre 1630 gehauenen Steins. Die Übersetzung dieser lateinischen Urkunde lautet:

    „Der Ursprung Westernkottens vor 200 Jahren.

    Furchtbar wütete einst der grimmige Mars,

    und Vulkanus raste von Haus zu Haus

    mit fressender Flamme durch Aspen

    und durch zwei andere Dörfer,

    da wechseln die Menschen die Heimstatt.

    Nahe dem Salzquell, dem früher entdeckten,

    baut man sich Häuser.

    Als aber wieder Stürme des Krieges

    sie bedrängten, die Habe wieder vertilgt ward,

    errichtete man mit Fürst Ferdinands Hilfe

    bergende Wälle und schloß auf Befehl

    die schützenden Tore.

    Im Jahre 1630.“

    Die Steintafel nimmt Bezug auf die Zerstörung der umliegenden Ortschaften in der Soester Fehde 1444 und den Bau der Landwehr um das Dorf 1506.

    Daneben eine Statue des hl. Josef  im wallenden Gewand mit einem Stab in der rechten Hand, aus dem Lilienblüten erwachsen, eine Anknüpfung an die Legende, dass nach dem Willen der Hohenpriester Maria mit dem Manne verlobt werden solle, dessen mitgebrachte Rute grünen und blühen würde. Eine Zimmermannsaxt ist an die Figur angelehnt.

    Das Lobetagsfenster

    Nur wenige Westernkötter überlebten 1635 eine große Pestepidemie. Aus Dank über ihre Rettung versprachen sie, alljährlich eine Lobeprozession im Juli abzuhalten. Der Lobetag mit dem lesbaren Text des Lobetagsversprechens ist im  Lobetagsfenster (12) dargestellt. Mädchen in historischen Trachten tragen eine altehrwürdige Muttergottes-Statue. Viele Prozessionsteilnehmer sind zu sehen, dazwischen der Priester mit der Monstranz, darüber ein Baldachin.

    Die Hochzeit zu Kana

    Das nächste Fenster (13) zeigt das erste Wunder Jesu nach dem Johannes-Evangelium bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12).

    Der Marienaltar

    Eine örtliche Kostbarkeit stellt der Muttergottes- oder Marienaltar (14) dar. Er ist nach einem alten Lobetagsbild  von Wiedenbrücker Meistern entworfen und am 8.1.1898 aufgestellt worden. Unter der Schutzmantelmadonna die Überlebenden der großen Pest von 1635. Zu Füßen Mariens ein Spruchband „O mater, duc tuos Westernkottenses“ (O Mutter, behüte deine Westenkötter) und am Haupt der Madonna ein Spruchband mit der Inschrift „Ducam vos Westernkottenses“ (Ich will euch behüten, meine Westernkötter). In den Spruchbändern ist ein Chronogramm untergebracht: Die Summe der lateinischen Zahlen ergbt die Jahreszahl 1720; in diesem Jahr wurde der Vorläufer dieses Marienaltares gefertigt.

    Die Frau und der Drache

    Im letzten Fenster (15) wird eine Vision des Evangelisten Johannes aus der Offenbarung dargestellt (Offb 12,1-6): Eine Frau, die gebären soll, umkleidet mit der Sonne, zu ihren Füßen der Mond und über dem Haupt zwölf Sterne. Dazu ein Drachen mit sieben Köpfen und sieben Kronen, der diese Frau verschlingen will. Aber ein Engel des Herrn führte die Frau in die Wüste, wo sie ihren Sohn zur Welt bringt. Die Frau ist Sinnbild des bedrohten Gottesvolkes des Alten und Neuen Bundes und wird auch auf Maria, das Urbild der Kirche, bezogen.

    Der Kreuzweg

    Die 14 Stationen des Kreuzweges in der Seitenkapelle (16) sind als Reliefs ausgeführt und stammen aus dem Jahre 1964.

    Das Herz-Jesu-Bild

    Das Herz-Jesu-Bild (17) an der Südseite der Seitenkapelle zeigt den auferstandenen Jesus auf einer Wolke stehend mit den 5 Wundmalen. Das Bild wurde 1894 von dem Wiedenbrücker Meister Georg Goldkuhle gemalt. Rechts unten im Bild sind der Name des Künstlers und das Anfertigungsjahr zu lesen.