Die Pöppelsche bei Hochwasser

Die Pöppelsche bei Hochwasser

Ohne Verfasserangaben

[in: Patriot 30.11.1940]

Die Pöppelsche ist bekanntlich eine sogenannte Schledde. Ebenso wie die Osterschledde und Westerschledde nimmt sie ihren Anfang auf dem nördlichen Haarabhange, ist den größten Teil des Jahres trocken, wird aber bei starken Niederschlägen zum reißenden Eließbach. Sie führt dann ungewöhnlich starke Wassermassen der Lippe zu. Oft schon wurden durch das plötzlich auftretende Wasser der Pöppelsche Teile der Landschaft wie auch Ortschaften unter Wasser gesetzt.

So schreibt uns einer unserer ältesten Leser, der früher in Westernkotten wohnte, nachstehende Ausführungen.

Es war 1880; Peter und Paul stand vor der Tür, am Nachmittag herrschte eine drückende schwüle Gewitterluft. Wir waren dabei, am Westernkötter Fußpfad (jetzt Radstraße) Kartoffeln zu hacken. Über dem dunklen Forst von Schwarzenraben hingen gewitterschwere düstere Wolken. In der Ferne hörte man ein dumpfes Rollen — hier und da zuckte ein Blitz und gegen ½ 3 Uhr setzte ein gewaltiges Donnern mit Gussregen ein, dass man Mühe hatte, vom Kartoffelacker zu kommen.

Rette sich, wer kann! In kurzer Zeit waren die einzigen vier kleinen Häuser, die an die Wirtschaft Wolf angrenzten, mit Menschen, die dem nassen Element entrinnen wollten, überfüllt. Blitz und Donnerkrachen, als wollten die Häuser einstürzen, folgten bei unaufhörlichem Gussregen. Um 5 Uhr war der Siechenkamp, wo in früheren Zeiten das Leprosenhaus stand, mit Wasser angefüllt; die Kühe hatten sich auf einen großen Erdhaufen geflüchtet. Man hörte ängstliche Hilferufe. Der Siechenkamp war mit einer hohen Dornenhecke eingefriedigt, nach außen ein Graben. Diesen durchkriechend, hatte eine Frau B., das Kleid über den Kopf gezogen, unter einem Dornbusch Schutz gesucht. Sie konnte nicht zurück, schleppte sich an der Hecke entlang bis zum eisernen Einfahrtstor, das zwei dicke Pfeiler von einem Meter Durchmesser in den Angeln hielt.

Wir stellten eine Leiter an den Pfeiler, kletterten hinauf, die Leiter runter in den Kamp und die Frau wurde die Leiter raufgeschoben. Das wäre ein Schnappschuss für den „Patriot” gewesen! Die Frau zitterte am ganzen Körper, aber ein Schälchen guten Bohnenkaffees brachte sie wieder ins Gleichgewicht. Sie meinte mit gutem Humor: „Dat hären wui maol uewerstohn”.

Wir gingen unter strömendem Regen nach Haus über die Erwitter Landstraße. Die Pöppelsche brachte aber jetzt das rauschende Wasser heran und hinter der Dampfmühle zerriss es in 20 Meter Länge und ½ Meter tief die Chausses und ergoss sich durch Engelberts Kämpe in westlicher Richtung ins Mastbruch.

In der Nacht brach der Lippedamm bei der Bulke und der Damm am Postweg, wo dann Zurmühls Kamp ½ Meter mit Sand gefüllt wurde. Lippstadt stand zum Teil unter Wasser, doch würde es zu weit führen, noch weitere Erlebnisse zu berichten.

1899 war auch Hochwasser in Westernkotten. Da Westernkotten noch keime Pfarre war. musste sich ein junges Brautpaar in Erwitte trauen lassen. Aber als der Hochzeitszug zurückkam, stand Westernkotten und die Bruchstraße, wo das junge Paar sein Nestchen eingerichtet hatte, unter Wasser.

Am Dorfeingang stand ein Wagen bereit, der dann die Gesellschaft zum Gaudium der Schuljugend unter Hallo und Peitschenknall dem trauten Heim zuführte. Aber, o weh, auch dieses stand unter Wasser, und so musste die Hochzeit im zweiten Stock gefeiert werden. Aber das konnte auch damals schon die Westernkötter nicht erschüttern, lustig wurde die Feier beendet trotz allem Sturm und Wogendrang.

Auch im vergangenen Winter war zweimal Hochwasser in Westernkotten, wo die tiefliegenden Bauern das Vieh in die Ställe der höher liegenden übersiedelten. Kleinvieh, Schweine, Kälber, Ziegen fanden Unterkunft auf Sälen und Kornböden und Bühnen. Doch ein Einwohner, der das Steigen des Wassers in der Nacht nicht bemerkt hatte, fand ein fettes Schwein ertrunken im Stalle.

-Aber auch in früheren Zeiten hatte die Pöppelsche Hochwasser, das bezeugt die Inschrift eines Kreuzes in der Nähe des Domhofs: „Anno 1752, den 12. Juli, synd allhier Anton Könighaus, im 13. Jahre seines Alters, Anna Gertrud Könighaus im 11. Jahre ihres Alters, Kaspar Wilhelm Müller im 19. Jahre seines Alters und A. Margarete Jütte im 19. Jahre ihres Alters elendig verdrunken. R. I. P.”

Ein alter Leser des Patriot.