Noch eine Weihe (Wiesenweihe)

Von Wilhelm Probst

[Erstabdruck: Probst, Wilhelm, Noch eine Weihe; in: Heimatbuch des Kreises Lippstadt 3. Band, Lippstadt (Laumanns) 1952, S. 183/84]

Diesmal ist es ein Vogel, ein ganz selten vorkommender, so selten, dass man ihn von hier mitgenommen hat in den Zoo nach Münster. Wie kam denn das? Ein Kurgast, der einige Wochen in Kurhause des Solbades wohnte, wanderte täglich durch unsere Felder. Da beobachtete er eines Tages im Lippischen hinter Klosebaum einen sehr großen Vogel, den majestätisch in den Lüften kreiste und sich dann in einem Roggenfeld niederließ. Ob der dort wohl sein Nest hatte? Ja, so war es, wie er es vermutet hatte. Zwischen der Kreisstraße, die von Westernkotten nach Lippstadt führt, und der Radstraße, wo nur Gras bewachsene Feldwege die Ackerbreiten trennen, fand er den Vogel auf dem Neste. Fluchtartig schwang sich dieser in die Lüfte. Das Nest war aus zusammengetragenem dürrem Reisig und trockenen Halmen auf dem Erdboden angelegt. Den Namen Nest verdient es kaum. Vier fast nackte junge Vögel, die ihn ängstlich angucken, lagen darin. Der Mann meldete den Fund dem Zoologischen Garten in Münster. Bald kamen einige Herren im Auto von Münster, erkannten in dem Vogel die überaus selten gewordene Wiesenweihe, knipsten das Nest mit den bald flüggen Jungen, nahmen die beiden kräftigsten heraus, sagten Dank für die Bereicherung des Zoos und versprachen, ein Foto von den Vogelkindern zu schicken. Das Foto kam, und der Finder des Nestes, nunmehr glücklicher Besitzer des Bildes, nannte sich stolz einen großen Naturfreund. Seine Weihen, nein, unsere Weihen, saßen jetzt hinter Eisengittern und festem Maschendraht.

Ein Münsteraner, dem ich nach Jahren die Sache erzählte, entdeckte die beiden Gefangenen im Zoo und schrieb mir darüber: Mittlerweile war es mir möglich geworden, durch das Lippstädter Heimatmuseum ein Foto des Nestes mit den Jungen zu bekommen. Auf diesem sah man die vier Jungvögel im weichen Flaumfedernkleide zwischen Roggenhalmen. Unter dem Bild stand: Circus Pygargus L. Gelegentlich einer Reise nach Münster konnte ich ohne Mühe unsere heimatlichen Naturseltenheit im Zoo finden. An den Gitterstäben stand ein Schild mit demselben Namen, der unter meinem Foto zu lesen war.

Durch Nachfrage stellte ich fest, dass ich an die richtige Adresse gekommen war. Das Schild kam mir vor wie die Fiebertafel über dem Bett eines Kranken. Unsere Weihen. Ja, groß waren sie geworden, aber da saßen sie nun in einem engen Gefängnis, trauernd und uninteressiert. Sie hatten die Augen geschlossen, als ob sie nichts sehen wollten. Ich blieb längere Zeit bei ihnen, wie man ja auch vom Bett eines lieben Kranken Freundes nicht fortgehen mag. Die meisten Besucher des Zoos blieben nicht lange bei den großen langweiligen Vögeln stehen. Hatten sie Kinder bei sich, so wurden sie von diesen ungeduldig zum Affenhaus gezerrt. Im Geiste sah ich unsere Weihen stolz im Luftmeere schweben. Da fiel mir ein Lied ein, dass ich als Junge in der Schule besungen hatte: „Wie im Reich der Lüfte… König ist der Weih‘“ – Schiller hat’s gedichtet, also Könige in Käfigen. Ich rief ihnen zu: „Ich soll euch grüßen vom lippischen Felde und der Gieseler bei Westernkotten. Da machten sie die Augen auf, und ich meinte, ich hätte ihren Blick verstanden: Aus der Wiege geraubt, lebenslänglich verurteilt, unschuldig.

Neben mir stand ein ehrwürdiger Alter Herr. Dem erzählt ich die Tragödie der Könige, sprach von ihrer schönen Heimat und zeigtd ihm auch das Bild ihrer Kinderstube. Da sagt er grimmig: „Könige im Gänsestall, unglaublich. Habe ich recht oder unrecht?“ Wehmütig beendete ich meinen Beileidsbesuch im Zoo. Weihen haben wir jahrelang nicht mehr in unserer Feldflur gehabt, aber ein Foto von ihnen ist hier. Schade! Was denn?

In diesem Frühjahr jedoch durchsegeln die Könige der Luftmeere wieder ihr Gebiet bei Westernkotten. Bis es der Zoo in Münster erfährt…