Volksverein Westernkotten

Marcus, Wolfgang: Volksverein Westernkotten – Organisationform der Zentrumspartei – Bollwerk gegen die Sozialdemokratie? in: Kreisheimatkalender Soest 2020, S.105-109

Der Volksverein für das katholische Deutschland bestand von 1890 bis 1933. In Westernkotten ist er 1903 durch Pfarrer Bokel gegründet worden. Die Volksvereine sollten eine Bündelung und einheitliche ethische Ausrichtung der katholischen Bevölkerung und ein Gegengewicht gegen die damalige Sozialdemokratie und ihrem Atheismus darstellen. Im Folgenden werden einige Ausführungen zum Volksverein in Deutschland gemacht, dann folgen solche für den Volksverein in Westernkotten. Die Volksvereine haben nicht nur die Zentrumspartei beeinflusst, sondern auch noch im weiteren Sinn die spätere CDU, die in Deutschland im Jahre 1945 und in Westernkotten im Jahre 1946 gegründet wurde.

  1. Der Volksverein für das katholische Deutschland

Entstehung 1890

„Der Volksverein für das katholische Deutschland wurde am 24. Oktober 1890 von dem Mönchengladbacher Unternehmer Franz Brandts und dem katholischen Geistlichen Franz Hitze unter maßgeblicher Beteiligung der Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst und Franz von Ballestrem gegründet und beruhte auf christlich-sozialen Ideen…“ [Wikipedia, Zugriff: 19.5.2019]

Ziele, Tätigkeit – Gegengewicht zur Sozialdemokratie

„Der Verein sollte durch breit angelegte Erwachsenenbildung der sozialdemokratischen Weltanschauung entgegenarbeiten. Die Vereinsleitung versuchte zunächst durch das gesprochene Wort, Vorträge, Versammlungen und durch Arbeitsgemeinschaften wie Kurse, Lehrgänge und Übungen, das Problem der Volksbildung zu lösen. Später wirkte der Volksverein auch durch Flugblätter, Zeitschriften und Bücher an diesem Ziel, die millionenfach verbreitet wurden. Der praktischen Arbeit in Kursen und Arbeitsgemeinschaften diente das Volksvereinshaus in Paderborn. Der Volksverein bildete hier und in Mönchengladbach zahlreiche Führer der katholischen Arbeitervereine, christlichen Gewerkschaften und von Handwerkerverbänden aus, von denen viele später als Gewerkschaftssekretäre und Politiker dazu beitrugen, dass vor allem soziale Fragen verstärkt vom Zentrum aufgegriffen wurden und diese Wählerschichten beim Zentrum gehalten werden konnten… Der Volksverein diente im Kaiserreich de facto als Ersatz für die vielfach mangelhafte bis fehlende Organisation der Zentrumspartei…Der niedrige Jahresbeitrag von 1 Reichsmark förderte das Zustandekommen eines Massenvereins. Auf seinem Höhepunkt kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte er 805.000 Mitglieder und 15.000 ehrenamtliche Helfer.“ [ebd.; vgl. auch: Gotthard Klein, Stichwort „Volksverein für das katholische Deutschland“ auf der Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)]

Ab 1922 – Mitgliederrückgang und Niedergang

„Nach der Revolution von 1918 nahm der Volksverein noch einen kurzfristigen Aufschwung durch den Kampf gegen die kirchen- und religionsfeindlichen ersten Erlasse des USPD-Ministers Adolph Hoffmann, doch anschließend nahm die große Massenwirksamkeit, die der Verein im Kaiserreich besessen hatte, ab, um erst in den Krisenjahren der Weimarer Republik wieder zu erstarken.“ [Gotthard Klein, Der Volksverein für das katholische Deutschland 1890-1933. Geschichte, Bedeutung, Untergang (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen, Bd. 75), Paderborn u. a. 1996] Die Anzahl seiner Mitglieder sank kontinuierlich (1928: 417.288; 1933: 330.017). Für diese Entwicklung gab es mehrere Ursachen:

  • Der Volksverein musste die sinkende Popularität der Zentrumspartei mittragen. Und: Das Zentrum wandelte sich von einem vom Volksverein unterstützten Honoratiorenkomitee zu einer Partei mit eingeschriebenen Mitgliedern und Mitgliederbeiträgen. Die Partei baute eigene Strukturen auf, so dass dort die bisherige Arbeit der Volksvereine überflüssig wurde.
  • Zunehmende Kritik, der Verein sei politisch einseitig und nur auf die Arbeiterfrage und die Gewerkschaften fixiert.
  • Der Vorwurf, die Vereine würden die territorialen Pfarrgemeinden und somit die Seelsorge stören.
  • Die katholische Schulorganisation erhielt eine erhöhte Bedeutung, da man befürchtete, die katholische Kirche könnte aus der Schule verdrängt werden. Das gab Mitgliederüberschneidungen.
  • Die katholischen Standesvereine wurden zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für den Volksverein.
  • Auch die christlichen Gewerkschaften vollzogen einen Emanzipationsprozess vom Volksverein; und der Deutsche Gewerkschaftsbund war für viele Katholiken eine durchaus akzeptable Alternative.
  • Während des ersten Weltkrieges wurde der Caritasverband in die katholische Kirche eingegliedert, der sich in der Weimarer Republik zu einem modernen Großverband mit eigenen Publikationen und Bildungseinrichtungen entwickelte. Er stellte nun eine Konkurrenz für den Volksverein auf dem Gebiet der Sozialpolitik, Fürsorge und Wohlfahrtspolitik dar.
  • Finanzielle Krisen des Volksvereins spätestens ab 1928. [nach Katharina Runkel, Der Volksverein für das katholische Deutschland in der Weimarer Republik, 1999 GRIN Verlag]

1933 – Das Ende des Volksvereins

„Am 1. Juli 1933 besetzte die geheime Staatspolizei die Geschäftsstelle des Volksvereins und beschlagnahmte das Schriftenmaterial und das Vermögen. Im Januar 1934 wurden die Vermögenswerte des Volksvereins, des Verlages und der Druckerei „zugunsten“ des Preußischen Staates eingezogen, da der unbegründete Verdacht der strafbaren Handlungen bestehen würde, was auch als Begründung für die Besetzung der Gladbacher Zentrale genannt wurde… Am 2. März 1934 besetzte die SA die Vereinszentrale und hisste die Hakenkreuzflagge auf dem Vereinshaus. Mit diesem Schritt wurden endgültig die letzten Hoffnungen auf einen Volksbund des Volksvereins mit der Schulorganisation und der Caritas zerschlagen. Der Volksverein für das katholische Deutschland existierte nicht mehr.“ [Runkel, aaO.]

Mit der Gründung der CDU im Jahre 1945 als überkonfessionelle Sammlungspartei verlor das Zentrum nach dem Zweiten Weltkrieg große Teile seiner Wähler und Mitglieder. Seit Mitte der 1950er Jahre stellt sie bis heute lediglich eine Kleinpartei mit weniger als 1000 Mitgliedern dar.

  1. Der Volksverein in Westernkotten

Vom Volksverein Westernkotten existieren keine Protokolle oder sonstige Unterlagen. Es konnte lediglich die Tageszeitung „Der Patriot“ als Quelle genutzt werden [mit der Stichpunkt-Suchfunktion]. Stichpunktartig und mit einigen wörtlich wiedergegebenen Berichten aus dem „Patriot“ sollen hier wesentliche Entwicklungen aufgelistet werden:

1903 – Gründung, Ortsverein der Zentrumspartei, 155 Mitglieder

-„Pfarrer Bokel gründete am 8. Februar 1903 den Volksverein und am 12. November 1905 den Katholischen Arbeiterverein.“ [Pfarrchronik der katholischen Kirchengemeinde Bad Westernkotten, zitiert nach Heimatbuch 1987, S.304, einziger Hinweis auf den Volksverein in der Pfarrchronik] Der Patriot berichtet: „Den eifrigen Bemühungen unserem allverehrten Herrn Pfarrers ist es gestern gelungen, hier unter gewaltiger Beteiligung einen Volksverein für das katholische Deutschland zu gründen. Die zu diesem Zwecke gestern Nachmittag einberufene, nach Hunderten von Köpfen zählende Versammlung gestaltete sich zu einer glänzenden Kundgebung katholischer Einmütigkeit.“ [Patriot 10.02.1903]

-Schon aus dieser Gründungsversammlung geht hervor, dass sich der Volksverein eindeutig als Ortsverein der Zentrumspartei verstand. So heißt es weiter: „Der zweite Redner Herr Brüggemann-Paderborn schilderte an der Hand eines ausgezeichneten Bildes die Stellung des Centrums im Gewoge des Parteikampfes und betonte die dringende Nothwendigkeit, daß bei dem bevorstehenden Wahlkampfe alle Centrumsleute Mann für Mann antreten müßten. Ein Hoch auf das deutsche Centrum wurde mit hoher Begeisterung ausgenommen.“

-Der erste Pfarrer von Westernkotten, Franz Bokel, war auch gleichzeitig der Vorsitzende des örtlichen Volksvereins. Pfarrer Bokel war von 1902 bis 1914 im Amt.

-Der Volksverein verstand sich eindeutig als Anhänger von Kaiser und Papst. So heißt es ebenda: „Zum Schlüsse der schönen Versammlung dankte der hochw. Herr Pfarrer Bokel in warmer Weise den beiden Rednern für ihre Mühe und allen Theilnehmern für ihr Erscheinen. Er feierte sodann die beiden höchsten Autoritäten in Staat und Kirche, den socialen Kaiser und den socialen Papst in beredten Worten und endete mit einem Hoch auf Papst und Kaiser.“

-Die Zahl der Gründungsmitglieder war erstaunlich hoch. Und das erfreute auch die Redaktion des Patriot: „Der Erfolg der Versammlung ist ein großartiger zu nennen. 155 Männer[!] von Westernkotten erklärten schriftlich ihren Beitritt zum Volksverein für das katholische Deutschland. Wir geben uns der freudigen Hoffnung hin, dass die 155 Mitglieder der Fahne des neuen Vereins stets treu bleiben und womöglich noch manchen Wankelmütigen veranlassen, in die Reihen des Volksvereins einzutreten.“

1906 – Gesellschaftliche Unzufriedenheit mildern – Kirche verteidigen

-Der Volksverstand bemühte sich um ein soziales Engagement: „Heute Nachmittag tagte in Westernkotten die Versammlung des Volksvereins für das katholische Deutschland, die sich eines zahlreichen Besuchs erfreute. Herr Doktor Liese aus Paderborn sprach über Haushaltungsschulen für die weibliche Jugend und die Versuche, die man in neuester Zeit gemacht hat, um auch den Töchtern minderbemittelter Familien eine gute Ausbildung im Kochen und in der Führung des Haushalts zu ermöglichen.“ [Patriot 19.03.1906]

-Auch Kritik an der katholischen Kirche ließ man nicht gelten: „Herr Vikar Brune, Erwitte, verbreitete sich dann in klarer, packender Rede über die Frage, ob sich die katholische Kirche, wie die Gegner fragen, den Kulturfortschritten feindlich gegenüber stehe, und zeigte in überzeugender Weise, dass die Kirche zu allen Zeiten eine hervorragende Förderin der wahren Kultur gewesen sei.“ [ebd., vgl. auch: Mues, Willi, Aus dem Patriot vor 100 Jahren: Gründung des Ziegenzuchtvereins; Versammlung des Volksvereins, in: Vertell mui watt, Nr. 303 (2006)]

1911 – eigener Ortsverein der Zentrumspartei gegründet

-Am 9. April 1911 kam es dann zur Gründung eines eigenen Ortsvereins des Zentrums, und damit begannen schon die Doppelstrukturen: „Westernkotten, 10. April. Der Anregung des Kreiskomitees der Zentrumspartei folgend, ist gestern für Westernkotten ein Orts-Komitee gegründet durch eine von etwa 120 Zentrumswählern im Wiese’schen Saale tagende Versammlung. Kurz nach 5 Uhr eröffnete Herr Pfarrer Bokel die Versammlung und hielt einen fesselnden Vortrag über die Geschichte der Zentrumspartei, zum Schlusse auf die Notwendigkeit und Bedeutung der Ortskomitees hinweisend. Sodann erteilte er das Wort Herrn Redakteur Laumanns, der ein Referat über die Aufgaben eines Ortskomitees hielt und für die Gründung und Betätigung der örtlichen Zentrumsorganisation praktische Winke erteilte. – Darauf wurde in Anlehnung an die Normalsatzung eine Satzung des neuzugründenden Komitees beraten und angenommen und dann 16 Herren aus allen Ständen, Wählerklassen und Ortsteilen zu Mitgliedern des Komitees gewählt, nämlich die Herren Pfarrer Bokel, Heinrich Deimel, Franz Dietz, Heinrich Ferdinands, Kontrolleur Franz Hense, Rudolf Hilwerling, Josef Jakobi, Vorsteher Adalbert Jesse, Leo Jesse, Heinrich Mönnig, Johann Mücher, Josef Schäfermeier, Adam Schrop, Wilhelm Stillecke, Thiemeier und Franz Westerfeld…“ [Patriot 10.4.1911]. Auffällig auch hier, dass der Pfarrer die Begrüßung und Einleitungsworte spricht und dem Leitungskomitee des Ortsvereins angehört/vorsteht. Und es sind keine Frauen unter den 16 Komitee-Mitgliedern!

1912 – feierliche Lieder, festliche Ansprachen

-Im Patriot vom 3. April 1912 ist wieder von einer Versammlung des hiesigen Volksvereins die Rede. Dabei schimmert besonders der wohl stets gepflegte Stil solcher Veranstaltungen durch. „Westernkotten, 31. März. Die Festversammlung, welche heute im Wiese‘schen Saale hier, zu Ehren unseres unvergesslichen Windthorst stattfand, wobei Ansprachen, Prolog und sinnige Festlieder abwechselten, nahm einen glänzenden Verlauf. Besonders fesselnd und begeisternd war die Festrede des Herrn Pfarrers Pehle, Erwitte, welcher das Lebensbild Windthorsts von der Wiege bis zum Grabe in höchst packenden Ausführungen den Anwesenden vor Augen führte.“ [vgl.: Marcus, Wolfgang, Der Volksverein in Westernkotten; in: Vertell mui watt, Ausgabe 14 (1996)

1914 – Wechsel von Pfarrer Bokel zu Pfarrer Ronnewinkel

-1914 trat Pfarrer Bokel aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück [vgl. Patriot-Bericht über seine Verabschiedung vom 27.7.1914]. Er hatte sich als engagierter Vertreter der katholischen Soziallehre, eines sozialpolitischen Katholizismus und Kämpfer gegen die als atheistisch empfundene Sozialdemokratie engagiert. So gründete er den katholischen Volksverein (1903), den katholischen Arbeiterverein (1905) und den Ortsverein der Zentrumspartei (1911). Auch für die Ansiedlung von Ordensschwestern zur Krankenpflege/Caritasarbeit, zur Führung eines Kindergartens/einer Kleinkinderbewahranstalt und für Haushaltungs- und Handarbeitsunterricht machte er sich stark. Beim Kauf eines geeigneten Grundstücks für das spätere Ordenshaus „Elisabeth-Heim“ war er sich nicht zu schade, auch privates Geld für die gute Sache zu investieren [Peters 2002, S.38]. Noch kurz vor seinem Weggang konnte am 1. Juli 1914 der Grundstein für dieses Schwesternhaus gelegt werden.

-Sein Nachfolger wurde Johannes Ronnewinkel aus Geseke, der seinem Vorgänger in sozial-caritativer Gesinnung in nichts nachstand. So wurden auf sein Betreiben und in seiner Verantwortung kurz nach seiner Ankunft bereits ein Hilfskomitee für die Unterstützung der Angehörigen der im Weltkrieg stehenden Soldaten [vgl. Patriot vom 17.8.1914] und eine Jugendwehr [vgl. Patriot vom 14.10.1914] gegründet. Und 1921 konnte dann endlich das Elisabethheim feierlich eröffnet werden, nachdem der Orden der Armen Dienstmägde aus Dernbach endlich Ordensschwestern für Westernkotten zur Verfügung gestellt hatten. Darüber hinaus gründete Pfarrer Ronnewinkel  wie sein Vorgänger weitere christliche Vereine, so 1915 die Jungfrauengemeinschaft, 1916 den „Christlichen Mütterverein“, die spätere kfd, und 1919 die „Jünglingssodalität“ (die später DJK).

-Und auch in der Arbeit des Volksvereins sowie des Zentrums engagierte er sich, wie im Folgenden zu zeigen ist.

1916 – Aufruf für eine Volksvereins- und Zentrumsveranstaltung

-Während des 1. Weltkriegs sind nicht viele Zeitungsartikel zum Volksverein und zur Zentrumspartei in Westernkotten zu finden. Für 1916 findet sich aber ein Aufruf zu einer „Öffentlichen Volksversammlung“ im Gasthof Wiese (heute Kurhaus) mit dem Redner Johannes Gronowski, der als Zentrumspolitiker im Landtag und Reichstag vertreten war. Einladende sind Pfarrer Ronnewinkel und Amtmann J.B. Ebel aus Erwitte.

1919 – mit dem Zentrum gegen die „christentumfeindlichen Ziele“ der Sozialdemokratie

In einem Artikel im Patriot vom 7. Januar 1919 wird deutlich, welche zahlreichen Kräfte gegen die Sozialdemokratie aufgeboten werden und dass das Zentrum nun eigene Strukturen aufbaute: „Westernkotten, 5. Jan. Am Neujahrstage fand hier unter Leitung des Herrn Gutsbesitzers H. Mönnig eine von Männern und Frauen stark besuchte Zentrumsversammlung statt, in der Herr Rektor Moock aus Lippstadt die von der Sozialdemokratie so hoch gepriesenen Errungenschaften der Revolution ins rechte Licht rückte und zum Anschluss an die christlich-demokratische Volkspartei (Zentrum) aufforderte, die in ihrem jetzigen Programm und ihrer zukünftigen Vertretung in der Nationalversammlung eine sichere Bürgschaft für einen gesegneten Wiederaufbau unseres gesamten Wirtschaftslebens und ein starkes Bollwerk gegen die kirchen- und christentumfeindlichen Ziele der Sozialdemokratie darstelle. Die tiefdurchdachten geistreichen Ausführungen des Redners wurden von der Versammlung mit lautem Beifall aufgenommen. — Am Schluss der Versammlung wurde ein Ortsausschuss der Zentrumspartei gewählt, in dem 15 Männer, darunter 6 Arbeiter, und fünf Frauen vertreten sind. 8 Mitglieder des Ortsausschusses, 7 Männer und eine Dame, wurden für den Kreisausschuss gewählt. — Dieser Zentrumsversammlung hatten zur Aufklärung der Wählerschaft drei andere Versammlungen unter Leitung des Ortspfarrers Ronnewinkel vorgearbeitet. – In der ersten von etwa 100 Arbeitern besuchten Versammlung hielt Herr Arbeitersekretär Schnurpfeil einen wirkungsvollen Vortrug über die Sozialisierung der wirtschaftlichen Betriebe. In der darauffolgenden Frauenversammlung sprachen der Ortspfarrer und Fräulein Lehrerin Strachotta über die geplante Entchristlichung der Schule. In einer dritten für Frauen und Jungfrauen gemeinsamen Versammlung verbreitete sich der Franziskanerpater Athanasius Bierbaum aus Rietberg eingehend über die durch die Revolution entstandenen Wirren in unserem Vaterlande und insbesondere über die der Kirche, der christlichen Schule, der Sittlichkeit und der gesamten Kultur drohenden Gefahren.“ [Patriot 7.1.1919]

1920 – 187 Mitglieder

-„Westernkotten, 12. Okt. Volksvereinsversammlung. Am Sonntag fand im Saale des Herrn Dietz eine gut besuchte Volksvereinsversammlung statt. Der örtliche Geschäftsführer, Pfarrer Ronnewinkel, leitete die Versammlung und erstattete zunächst Bericht über die Tätigkeit des Vereins am hiesigen Orte. Danach zählt der Volksverein in Westernkotten im laufenden Jahre 187 Mitglieder, gegen 125 im Vorjahr. Die Mitgliederziffer hat sich sonach dank der rührigen Werbetätigkeit der sieben Vertrauensmänner um 62 gehoben, es ist Aussicht vorhanden, daß sich im kommenden Jahre die Zahl noch erheblich steigern wird. An Mitgliederbeiträgen sind 374 Mark der Zentrale in Mönchengladbach eingesandt worden.“ [Patriot 14.10.1920]

1921 – 16,1 Prozent der Katholiken im Volksverein

-Die Mitgliederzahl des Volksvereins im Dekanat Geseke beträgt im Verhältnis zur Zahl der Katholiken in Böckenförde 21,1 Prozent, Esbeck 9,4, Hellinghausen 10,6, Horn 16,4, Lippstadt 5,78, Mönninghausen 14,8, Altengeseke 11,2, Anröchte 10,3, Berge 10,7, Erwitte 13, Geseke 7,8, Mellrich 8,1, Störmede 19,8, Langeneicke 17,2 und Westernkotten 16,1 Prozent. – Böckenförde geht also mit gutem Beispiel voran.“ [Patriot 8.12.1921]

1922 -1933 – Niedergang

Für die folgenden Jahre findet sich keine Ergebnisse mehr zu einem Volksverein in Westernkotten. Das mag mehrere Gründe haben, ich nenne drei:

  • Die katholischen Standesvereine. Sie wurden zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für den Volksverein. So wurden in Westernkotten, wie oben schon erwähnt, der katholische Arbeiterverein (1905), eine Jungfrauenkongregation (1915) der „Christliche Mütterverein“ (heute kfd, 1916) und die Jünglingssodalität (später DJK, 1919) gegründet.
  • Die Geldnot der Volksvereine. So versammelte sich der Volksverein Lippstadt in der Nikolaikirche: „Da die Mittel fehlen, um einen großen Saal zu mieten, hatte man der Versammlung einen kirchlichen Charakter gegeben.“ [Patriot 17.1.1923]
  • Die Erkrankung von Pfarrer Ronnewinkel. 1924 erkrankte er schwer, so dass sogar am 28.Juni 1924 eine Wallfahrt mit Bittprozession nach Bökenförde veranstaltet wurde, an der einschließlich der Schulkinder etwa 300 Personen teilnahmen. [Patriot 30.6.1924] Bis 1925 konnte Pfarrer Ronnewinkel nicht mehr arbeiten, so dass Franziskaner aus Rietberg die Seelsorge übernahmen. Ronnewinkel starb bereits am 20.1.1925 und wurde auf dem Westernkötter Friedhof beigesetzt. Sein Nachfolger, Pfarrer Johannes Schreckenberg, eingeführt am 8.April 1925 [vgl. Patriot vom 9.4.1925] und bis 1942 im Amt, setzt andere Schwerpunkte und tritt im Zusammenhang mit Volksverein und örtlicher Zentrumspartei nicht augenfällig in Erscheinung.

Da ich im Patriot für die 1920er und frühen 1930er Jahre keine weiteren Berichte von Versammlungen des Westernkötter Volksvereins gefunden habe, bleibt offen, wann genau sich der hiesige Verein aufgelöst hat oder er aufgelöst wurde. – Seine Blütezeit hatte er auf jeden Fall schon lange hinter sich.           

  • Franz Brandts (* 12. November 1834 in Gladbach; † 5. Oktober 1914), katholischer Industrieller, Mitbegründer des Volksvereins
  • Franz Hitze (* 16. März 1851 in Hanemicke bei Olpe; † 20. Juli 1921 in Bad Nauheim),  war ein  katholischer Geistlicher, Sozialethiker, Mitbegründer des Volksvereins und Politiker der Zentrumspartei
  • Ludwig Windthorst (* 17. Januar 1812 auf Gut Caldenhof in Ostercappeln bei Osnabrück; † 14. März 1891 in Berlin),deutscher Politiker der Deutschen Zentrumspartei, Mitbegründer des Volksvereins
  • Reklamemarke der Titelseite der Zeitschrift: Der Volksverein. Zeitschrift des Volksvereins für das katholische Deutschland Heft 2/1911
  • Franz Bokel, Pfarrer in Westernkotten von 1902 bis 1914
  • Aufruf zu einem Zentrums- und Volksvereinsversammlung im Patriot von 1916
  • Johannes Ronnewinkel, Pfarrer in Westernkotten von 1914 bis 1925